So
05
Feb
2012
Die Nacht war wie Feinstaub, rieselte herab, dichtete die Welt ab und errichtete eine Wand, durch die nichts drang.
Die Töne verstummten, das Licht brach und verschwand. Nur Hannahs Denken war Lichtgestalt und Silberstreif, als sie Abend für Abend durch die Zimmer wanderte, Kerzen entzündete und mit Hans sprach.
Manchmal kicherte Hannah wie ein Schulmädchen, mitunter empörte sie sich, über eine Eigenschaft von Hans, jedes mal erzählte sie ihm von ihrem Tag, von dem was er ihr gebracht hatte, an Widrigkeiten, Schwere und Schmerz.
Schon lange keine Freude mehr, flüsterte Hannah. Die Freude fehlt, seit dein Schweigen eingezogen ist, Hans.
Schon lange war sein Zimmer für sie verschlossen. Hannah stand davor, unschlüssig ob sie klopfen, oder ob sie sich diesem neuen Schweigen, zwischen ihnen beugen sollte.
Schließlich überwand sie ihre Scheu und klopfte zaghaft auf das dunkle, schwere Holz der Türe.
Hans?
Hans, sprich doch mit mir und Hannah presste ihr Ohr, auf das massive Holz der Türe, in der Hoffnung, eine kleine Veränderung der Stille wahrzunehmen. Doch kein Geräusch, das die Schwere der Hoffnung in die Leichtigkeit der Freude wandelte, drang an ihr Ohr,.
Hannah verharrte noch für einige Augenblicke, vor der Tür und wandte sich dann, als die Undurchdringlichkeit der Stille für heute Gewissheit wurde, mit einem gedrücktem Herzen um und stieg die Treppen hinunter, in` s Parterre. In ihre Welt, die Hans nicht mehr, mit ihr teilen wollte.
Im Sessel im Wohnzimmer, saß wieder dieser Fremde und sah sie durchdringend an.
Nicht schreien, flüsterte Hannah, nicht schreien – denn dann steht er auf und dann...
Hannah senkte ihren Blick, ließ so, den Fremden verschwinden und suchte Hans in ihren Gedanken zu finden.
Hans, den stattlichen Kerl mit der krummen Nase und dem geraden Blick. Hans hätte schon längst die Ärmel nach oben gekrempelt, sich vor diesem Fremden aufgebaut und ihn ohne großes Feder lesen des Hauses verwiesen.
Hannah blickte vorsichtig nach links, um zu sehen ob der Fremde immer noch da war und ja, da saß er wie angegossen, einer Statue gleich und machte sie zur Gefangenen im eigenen Haus.
Einmal hatte sie zum Telefon gegriffen und wollte die Polizei rufen, wovon dieser Eindringling sie mit Gewalt abhielt und jetzt war das Telefon verschwunden, dass kleine Nussbaum Tischchen war leer und Hannahs einziger Kontakt nach außen, waren die Gedanken, die sie an Hans schickte.
Vielleicht morgen, würde Hans wieder mit ihr reden. Würde ihr die Hand reichen und sie würden wieder gemeinsam die Treppen hinunter steigen, würden hitzig diskutieren, um dann festzustellen, dass sie eigentlich einer Meinung waren. Dann würden sie sich lachend um den Hals fallen und sich daran freuen, wie wundervoll doch das Leben, in all seinen Facetten war. Sie würden sich lieben und danach gemeinsam die Küche nach Essbarem durchforsten.
Ganz gewiss morgen, flüsterte Hannah und die Hoffnung, nahm die Schwere des Schweigens, von ihren Schultern. Morgen, ganz gewiss.
Mit einer neu gewachsenen Entschlossenheit, lenkte Hannah ihre Schritte in die Küche und vermied es dabei, den alten Mann, im Sessel anzusehen. Er würde ihr folgen wie ein Schatten und sie dabei keine Sekunde aus den Augen lassen, dass wusste Hannah.
In der Küche stand der große, massive Esstisch, den Hans und sie gekauft hatten, nachdem der Vorgänger dieses Tisches, gnadenlos unter ihrer gewaltigen Liebe zusammen gebrochen war. Hannah kicherte leise vor sich hin und strich sanft, mit der Hand, über das dunkle Holz.
Hinter ihr flüsterte der fremde Schatten: Hannah.
Und Hannah stieg die Zornesröte ins Gesicht. Wie konnte er es wagen, sie so anzureden? Wie konnte er es wagen, in ihr Haus einzudringen, sie zur Gefangenen zu machen und sie dann Hannah zu nennen?
Wutentbrannt drehte sie sich um, ballte ihre Hände zu Fäusten und ging voll des Zorns auf den Fremden los und ließ ihre Fäuste auf ihn nieder prasseln, so lange, bis ihr jegliche Kraft fehlte und die Erschöpfung all ihre Ängste überlagerte.
Mit einem Erstaunen nahm Hannah wahr, dass der Fremde weinte.
Hannah kehrte sich brüsk ab und ging zurück in´s Wohnzimmer. Dort nahm sie das alte Fotoalbum aus dem Regal, setzte sich auf das Sofa und begann, sich langsam durch die fotografierten Jahre zu blättern.
Ihr gegenüber, setzt sich der Fremde wieder in den Sessel und beobachtete sie bewegungslos.
Die Wand der Nacht bröckelt und lässt die Geräusche des Tages durch. Draußen lachen Kinder und ein Moped fährt knatternd vorbei.
Hannah sitzt auf dem Sofa und betrachtete die Bilder aus längst vergangenen Tagen. Als sie ihr Lieblingsbild findet – Hans und sie, wie sie am Gipfelkreuz vom Schwarzhorn stehen und glücklich in die Kamera lachen – sieht sie von den Bildern auf und lacht den alten Mann im Sessel an : weißt du noch Hans, wie schön dieser Aufstieg war?
Ach Hannah, sagt Hans im Aufstehen, wie könnte ich das vergessen.
Dann setzt sich Hans neben Hannah, umarmt sie und hofft, dass die Nacht nicht so schnell wieder hereinbricht.
Sa
14
Jan
2012
Ich glaube, ich war 17 und im Kino lief Tootsie.
Moses erbarmte sich und nahm mich in seinem Auto mit, nachdem Peter mich mit weidwundem Herz zurück ließ.
Neben Moses saß Reni, meine Freundin und hinten drin noch so einer, mit abgeschossenem Herzen, dessen Namen ich nun vergessen habe.
Im Kino war es dunkel und der Vorfilm hatte schon begonnen. Für jeden gab es ein kleines Tischchen, mit einem kleinen Lämpchen und einer Tastatur, um ohne aufzustehen, Luxus via Tastendruck zu
bestellen. Das war neu.
Moses drückt auf´s Knöpfchen, ordert ein Böckle für sich und Eiskonfekt für Reni. Als der Film schon begonnen hat, kommt die Bedienung.
Hoch gewachsen, schlanke Beine, schmal, fast filigran im Körperbau und ich blicke zu ihr hoch, suche ihr Gesicht und als ich es finde, weiß ich, dass ich nie wieder etwas schöneres sehen
werde.
Ich starre sie an, weil ich gar nicht anders kann.
Ihr Gesicht, gerahmt von halblangem, blondem Haar, darin die vollen Lippen die fast glühen auf alabsterfarbener Haut.
Die Augen.
Die Augen mit einem Ausdruck den ich nie gesehen habe und auch nie wieder sah und diese Nase, so markant, wie vollendet.
Sie geht und mein Blick, geht mit ihr.
Danach erzählt Dustin Hofmann irgendetwas auf der Leinwand und ich drücke auf´s Knöpfchen und bestelle Eiskonfekt.
Sie kommt.
Sie kommt nach einer gefühlten Ewigkeit, funzelt mit ihrer Taschenlampe in meine Geldbörse, als ich dort nach dem Geld suche und in der Zeit in der sie damit beschäftigt ist, für mich das
Wechselgeld zu suchen, starre ich sie weiter an und versuche zu enthüllen, was es ist, dass mich so in`s Kurven bringt.
Die Nase?
Die feinen Linien um ihren Mund herum? Die ihr diesen gewissen Ausdruck verleihen. Oder waren es doch nur die Augen, die sie abhoben von all den anderen.
Sie leuchtet mir ins Gesicht und drückt mir mein Wechselgeld in die Hand.
Sie geht.
Dustin Hoffmann palavert immer noch von etwas, dass mich gar nicht interessiert.
Ich hol meinen Geldbeutel hervor und zähl nach, was ich noch über hab, zum Verpulvern
und drück auf´s Knöpfchen, für eine Cola.
Sie kommt.
Ich rätsele weiter was es ist und mich so in den Bann zieht und ich merke, wie meine Gedanken in einer endlos Kurve fest hängen.
Sie geht.
Ich pumpe Reni an, mir 2 Mark zu leihen und drück auf`s Knöpfchen und bestelle Chips.
Sie kommt
und ich komm nicht weiter, kann sie nur sprachlos anstarren.
Sie geht.
Moses pumpt mir auch 2 Mark, er schenkt sie mir so gar, damit er und Reni, Ruhe vor mir haben.
Und ich?
Drück aufs Knöpfchen und bestell noch mal Chips,
Sie kommt.
Souverän - und ich weiß immer noch nichts.
Sie geht
und ich bin pleite.
Fr
06
Jan
2012
Die Tage fiel mir ein, dass ich wohl irgendetwas falsch mache, in meinem Leben.
Worauf ich mir dachte,was ein Bundespräsident kann, kann eine Bundesbürgerin auch. Ich mein es scheint ja irgendwie die falsche Zielsetzung zu sein, Jahr für Jahr zu sparen wie ein Entenklemmer, nur um am Ende eines selbigen Jahres festzustellen, dass von der Sparerei nichts überbleibt – da sind dann der Bundespräsident respektive, ehemalige Ministerpräsident und ich wohl zum gleichen Schluss gekommen:
Lieber holt man sich einen zinsgünstigen Kredit, kauft sich das Begehrte gleich und stottert dann so peu a peu den Kredit wieder ab. Das ist einfach die Ungeduld des Menschen – und insofern vollkommen nachvollziehbar.
Und nachdem ich mir gewiss bin, dass dem Bundespräsidenten nach Abzug all seiner Belastungen auch nicht mehr als 7Euro nochmalwas bleibt, hat er mein vollstes Verständnis.
Immerhin kann so ein Minister/ Präsident seine Klamotten nicht in einem Klamottendiscounter kaufen. Selbiges gilt natürlich für sein Auto, sein Boot, sein Haus - wie sähe das denn aus, gerade weil er ja Repräsentationspflicht hat.
Also bin ich nach reiflicher Überlegung los und hab meine Freunde – die ich teilweise schon über 30Jahre kenne – angehauen mir doch einen wirklich zinsgünstigen Kredit zu gewähren, für ein kleines schmuckes Häuschen, über sage und schreibe läppische 500.000 Euro.
Keiner wollte das machen. KEINER. Nicht mal urlaubern in ihren nicht vorhandenen Ferienhäusern wollten sie mich lassen.
Was mein ganzes Weltbild in`s Schwanken brachte und sich in mir die Erkenntnis festsetzte: Ich hab definitiv die falschen Freunde.
Aber, dass ist ja nichts, was sich nicht ändern ließe.
Also ich wieder los, um neue Freunde zu finden. Geerkes und Maschmeiers wollten gar nichts von mir wissen – und das, obwohl ich klar stellte, dass ich Bundesbürgerin repräsentieren kann und zudem vollkommen unpolitisch bin.
Ich sag ja immer, lass die da Oben mal machen, die machen das schon richtig.
Weil die da Oben sind ja Volksvertreter und nicht Wirtschaftsvertreter. Ergo wäre es vollkommen unlogisch, zum einen überhaupt darüber nachzudenken, zum anderen irgendwelche Interessenkonflikte zu konstruieren, die es zwischen Politik und Wirtschaft geben könnte – und bei einem Bundespräsidenten sowieso nicht, der muss ja nur repräsentieren – Klamotten, Auto, Haus – ich glaube da war noch etwas anderes, aber das will mir nun partout nicht einfallen.*
Dafür fiel mir ein, dass ich - wenn ich schon nicht die richtigen Freunde habe –ich es direkt bei der Bank versuchen könnte.
Irgendwie war mir schon klar, dass auch das, ähnlich wie mit der Freundessuche ablaufen würde- immerhin ich wollte ja keine 500Millionen Kredit, sondern nur 500.000 zu einem supergünstigem Zinssatz und so nahm ich zwei Piccolöchen mit zur Bank in der Absicht den Angestellten betüddelt zu machen, damit er einer Bundesbürgerin das gewährte, was einem ehemaligen Ministerpräsidenten und derzeitigen Bundespräsidenten gewährt wurde.
Jetzt raten Sie mal was der Banker gesagt hat?
Er hat gar nichts gesagt, sondern hat mich nur angesehen wie eine Kuh, wenn`s donnert.
Woraus ich folgerte, dass das nichts wurde mit den zinsgünstigen Konditionen.
So, nun sitze ich hier, mit falschen Freunden, der falschen Bank, einem geplatztem Traum vom schmucken Häuschen,reichlich desillusioniert und trink die Piccolöchen ohne Banker.
Bleibt nur zu hoffen, dass in absehbarer Zeit, die Stelle eines Azubis zum Bundespräsidenten frei wird, da bewerb ich mich dann und dann funzt das auch mit dem Kredit und dem Urlaubern, da bin ich mir sicher.
*
Jetzt wo ich all das nieder geschrieben habe, lese ich irgendwo was von: Hüter der Verfassung(neben dem Verfassungsgericht)
so wichtig kann das aber nicht sein, sonst wüsste ich ja davon.
Mo
19
Dez
2011
die einzigartige Madame Mim
Ich hatte eine Katze.
Jetzt hab ich zwei.
Nicht das ich ein ausgesprochener Katzenfreund wäre. Es hat sich einfach so ergeben, dass vor 10 Jahren Madame Mim das Regiment im Haus übernahm und letztes Jahr Herr Borchert dazu kam, seines Zeichens: Kater.
Madame Mim hieß früher auch mal anders. Schlicht: Süße.
Ich hab keine Ahnung wohin das Süße entschwunden ist, auf alle Fälle ist sie ziemlich exzentrisch, weshalb sich ihr Name auch wandelte, zu Madame Mim.
Eines Morgens, als ich mich schlaftrunken mit einer Schüssel Kaffee auf meiner Bänke vor dem Haus platzieren wollte, lag dort Herr Borchert.
Ein zusammengerolltes Fellknäul, das leise schnurrte als ich mich neben ihn setzte, Kaffee schlurfte und ihn kullerte.
Ein kleines Morgenritual, das sich da zwischen uns entwickelte und eines Tages saß er dann auch Mittags vor der Terrassentür und blickte sehnsuchtsvoll herein und ich machte die Tür hoch und weit für ihn.
Madame Mim brachte klar und deutlich zum Ausdruck:
DER gehört hier nicht her
und ich tat so als wüsste ich nicht worüber sie sich echauffierte, wofür sie sich dann mit zwei Wochen tödlich beleidigt sein revangierte.
Dafür beobachtete sie Herrn Borchert mit Argusaugen und Madame entdeckte ihre Leidenschaft für Attacken, frei nach Wilhelm Tell: durch diese hohle Gasse muss er kommen -
und das musste Herr Borchert – wollte er an die Futterschüssel musste er durch besagte Gasse gehen, an deren Ende ein Mauervorsprung war, in dessen Niesche wer wohl saß und wartete – nein, vielmehr saß und immer wieder vorsichtig mit einem Auge um`s Eck herum linste, ob er er nun kam, DER, der hier nicht her gehörte.
Wenn er dann kam, DER, der hier nicht her gehörte, dann sprang Madame mit einem Satz heraus, watschte den armen Kerl dermaßen ab, sodass DER, der nicht hier her gehört, sich erst mal setzen musste und reichlich verdattert in die Gegend starrte.
Eine Zeit lang musste ich direkt Geleitschutz geben, damit Herr Borchert überhaupt an seine Futterschüssel kam.
Dann fiel Madame Mim etwas ganz neues ein.
Ich hab keine Ahnung wieso, auf alle Fälle entdeckte Madame, wenn sie Herrn Borcherts Futter anschlotzte ( nur anschlotzen, nicht wegfressen, irgendwie ist sie ziemlich figurbewusst) dann rührte DER, der nicht hier her gehörte, dass Futter nicht mehr an – und alles, alles war ihr`s.
Seither musste ich diverse Futterschüsseln vor gewissen Schlotzangriffen retten und nachdem mir das halbwegs gelang, harrte ich – und ich glaube auch Herr Borchert – darauf, was als nächstes kam.
Als nächstes kam der Sommer und mit ihm vollzog sich mit unserer Madame Mim, der erstaunliche Wandel von der exzentrischen Zicke zur rolligen Katze.
Was zur Folge hatte, dass Herr Borchert die Welt nicht mehr verstand. Die ganze Zeit wurde er attackiert, sah sich Schlotzangriffen und üblen Anfauchungen ausgesetzt, wenn er der Madame Mim auch nur einen Hauch zu nahe kam, und nun?
Rollte sie die Terrasse rauf und runter und direkt auf den DER, hier nicht her gehörte, zu,
der nur erstaunt da saß und sich ganz gewaltig wunderte. Das konnte ich direkt in seinen Augen lesen.
Als dann ihre Excellenz, die Madame, vor dem lag, DER hier nicht her gehörte und jener aus sicherheitstechnischen Gründen wohl dachte, es ist besser sich nicht zu bewegen und erst mal abzuwarten was da als nächstes kommt,
watscht sie ihn doch glatt wieder ab, die Madame, dieses mal aber weil er eben nicht nahe genug kam, DER, der hier nicht hier her gehörte.
Worauf Herr Borchert mich reichlich verdutzt anschaut und fast ist mir, als hörte ich ihn denken:
Verstehst du die Weiber?
Tscha murmelte ich so vor mich hin, da musst du nun durch Herr Borchert, aber das wird schon werden, davon bin ich überzeugt.
Sie haben das dann auch tatsächlich hinbekommen, logisch. Friede, Freude, Eierkuchen, einen Sommer lang.
Dann vollzog sich wieder der Wandel von der rolligen Katze, zur exzentrischen Zicke und Madame Mim war wieder voll da, inclusive Schlotzangriffen und wilhelmischen Tellereien.
Herr Borchert musste wieder ein mal umdenken und gewiss fragte er sich, ob die nicht alle spinnen.
Aber,
diesen Ausdruck: DER gehört hier nicht her, hab ich bei Madame seither nicht mehr gesehen.
Derzeit stehen wir bei: WER ist das schon.
Mal sehen, vielleicht geht da noch was, der nächste Frühling kommt ja bestimmt.
Sa
17
Dez
2011
Jeden Abend entzündete der alte Mann sein Feuer. Im Winter etwas früher und demzufolge im Sommer etwas später.
Es war ein Ritus, der Jahrhunderte währte und sich immer wieder in dem Wissen erneuerte:
Ich habe ausgetan mein Licht – nun brenne du auf dein Licht.
Heute wie Gestern und wie es Morgen auch sein wird.
Wieder.
In den ganz alten Zeiten, flochten sie sich Gold in`s Haar, griffen sich bei den Händen und
zogen zwischen den Sternen durch die Zeit.
Ihr Kichern wurde dann zu einem Lachen, das weit hallte, indes sie ihre Hände warm umfassten.
Los, los lachte sie, ich mach nun aus mein Licht und nun brenne du auf dein Licht,
Lass nicht völlige Dunkelheit walten, wenn ich erloschen bin.
Da begann ihr Spiel.
Der alte Mann entsann sich noch gut, wie er das Erste mal der alten Frau – damals noch dem jungen Mädchen – nachsah, wie sie entschwand mit dem Versprechen wieder zu kommen, wenn er sich nur sein Feuer bewahre. Er hatte daraufhin suchend seine Taschen abgeklopfte bis er schließlich in einer dieser vielen Unendlichkeiten jenes Feuer fand, das nie erlosch und leuchtete still in die Kühle der Dunkelheit.
Es war eine lange Nacht, diese erste Nacht und in manchen Minuten war er sich gewiss, dass sie kein Ende finden würde, dass des Mädchens Feuer für immer erloschen war und allein das Funkeln der Sterne und sein stummes Leuchten durch die Nacht, blieb.
Doch sie kam wieder, das junge Mädchen kam wieder, hüllte den Horizont in einen zarten Lichtstreif um dann in ihrer ganzen Gestalt vor ihm zu erstrahlen.
Wie bist du schön, so wunderschön flüsterte er ihr zu und sie begann zu erröten ob der Ungewohntheit eines solchen Kompliments und der Himmel glühte weithin, orange rot.
Da lachte er leise in sich hinein, verlöschte sein Feuer und sammelte Kraft, für die nächste Nacht.
Ewig währte dieses Spiel schon zwischen ihnen und manches mal, hatte der alte Mann die Traurigkeit in sich gefühlt, darüber das er und die alte Frau immer auf ihren Bahnen kreisen mussten und ihnen nur die Frühlinspunkte blieben.
Wie die alte Frau immer wieder einmal, die Schleier vor sich zog, damit niemand ihre Traurigkeit sah, so begann der alte Mann zu schwinden.
Er wurde weniger, von seinem Feuer blieb nur ein kleiner Rest und in ihm sammelte sich ein Jahrhunderte altes Seufzen und Stöhnen.
Die alte Frau erinnerte ihn dann wieder an ihrer beider Versprechen, nicht die Dunkelheit walten zu lassen und sich ihre Feuer zu bewahren.
Die Frühlingspunkte, flüsterte sie ihm zu. Die Frühlingspunkte, zwischen Tag und Nacht, unsere goldenen Momente, in welchen du mich so oft erröten machst – brenne auf dein Licht, ich komm wieder – und während die alte Frau langsam, glutrot am Horizont erlosch,
entzündete der alte Mann sein Feuer und spürte, dass er wieder wuchs.
Ja, die goldenen Momente,waren es wert, diese Momente in der die Sehnsucht sich erfüllte und der Abschied schon darauf wartete seinen Stachel zu setzen, damit alles wieder von vorne begann.
Die Frühlinspunkte und die Universumssekunden wenn sie sich beide trafen, am lichten Tag und er seiner ewigen Geliebten so nahe kam, dass er die ganze Gestalt der alten Frau verdeckte und nur noch das Leuchten ihres Haares zu sehen war, dann füllten sie einander auf und an, und verstärkten durch einen innigen Kuss, ihre Jahrhunderte alten Bande – und die ganze Welt sah dabei zu - aber auch daran gewöhnte man sich, dachte der alte Mann und leuchtete friedlich durch die Nacht.
Sa
12
Nov
2011
Im Müllcontainer, lag ganz oben auf, ein alter, reichlich zerzauster Teddy.
Ein Auge fehlte und das andere blickte irgendwie trostlos aus diesem Container zu mir herauf.
Die Pfoten hatten grüne Flicken, die jemand sorgsam aus Filz angenäht hatte.
Seine Ohren waren fast nicht mehr vorhanden, so oft musste jemand an ihnen rum geknuddelt haben und über seiner Schnauze lag ein großes, dunkelgrünes Salatblatt.
Das braune Glasauge starrte mich immer noch an und nun schien es, als läge die leise Bitte darin, doch etwas dagegen zu tun.
Gegen dieses Salatblatt auf der Schnauze, gegen den sich wieder schließenden Müllcontainer, gegen die darauf wieder eintretende Dunkelheit und gegen den Geruch der unweigerlich der
Dunkelheit folgen würde.
Dermaßen genötigt durch ein braunes Glasauge, griff ich in den Müllcontainer und holte den Entsorgten wieder heraus.
Wie ich da so stand und das eine, verbliebene Glasauge mich in der Sonne an funkelte, erinnerte er mich.
An Wünsche und Träume die ich vor langer Zeit in die Ohren meines Teddys flüsterte. An glückstrahlende Momente in welchen ich ihn heiß und innig umarmte. An bittere Tränen die ich in seine Wangen
weinte und an die Ratlosigkeit zwischen Kind und Erwachsenem, die mich meinem Teddy damals, so sehr die Ohren zerzausen ließ.
Ich stand mit Glasauge vor dem Müllcontainer, betrachtete seine ganze geliebte und gelebte Gestalt und beschloss, ihm den Moment der Momente zu geben, in der Sommersonne auf meiner
Terrasse.
Beim nächsten Gang an den Müllcontainer stand dort ein junges Mädchen. Mit vorgebeugtem Oberkörper hing sie über dem Rand des Containers und ich vermutete, dass ihre Augen sorgsam den
ganzen Müll abtasteten.
Sie mochte irgendwo zwischen 14 und dem Erwachsensein sein und als sie mich herannahen hörte, ließ sie mit einem resignierendem Seufzen, den Deckel des Containers zuknallen und wandte sich zum
Gehen.
Ob sie vielleicht etwas Altes gesucht hätte, da in dem Container, fragte ich sie.
Worauf sie stehen blieb, sich umdrehte und ein zaghaftes „ Ja- schon“ in den Boden nuschelte.
„Mit einem Glausauge? Und Flicken an den Pfoten“? Fragte ich neugierig.
Was sie den Kopf heben ließ und ein kleines Funkeln ihre Augen bereicherte.
„Der sitzt bei mir auf der Terrasse und lässt sich die Sonne auf den Pelz scheinen“ und in mir breitet sich wie ein kleiner Sonnenschein, die Freude aus.
„Holst du ihn ab“?
Sie nickte nur und auf ihren Wangen macht sich eine leichte Röte breit, die sie aber nicht daran hinderte mit mir auf meine Terrasse zu gehen, um Glasauge wieder zu sehen.
„Ich soll endlich erwachsen werden“, sagen meine Eltern, „deshalb....“ ihr Blick wandert zu ihrem Teddy und wie sie das so sagt, klingt es wie eine Entschuldigung.
„Ja es ist immer Zeit erwachsen zu werden“, sag ich ihr. „Irgendwann kommt die Zeit da kehrt es sich um und es ist die Zeit, das Kind in sich wieder zu finden, wenn man es verloren hat, oder
gedankenlos weggegeben hat, vor lauter erwachsen sein.“
Sie sieht mich etwas ratlos an, mit einem sehnsüchtigem Blick zu ihrem Teddy und sie hat ja recht, was soll all dieses erzählen. Erfahrungen haben schon immer darauf bestanden, selbst gemacht zu
werden.
Ich drück ihr den Teddy in die Hand.
Mit einem Strahlen im Gesicht, das ihre Zahnspange blitzen lässt, zieht sie von dannen.
Mit Glasauge, zerknuddelten Ohren und Flicken auf den Pfoten.
Natürlich nicht in inniger Umarmung, sondern lässig macht sie das alles mit der linken Hand.
Mi
28
Sep
2011
Er starb ungeliebt. Zumindest war das damals, vor gut 40 Jahren, mein Eindruck.
Ein Grab mit einem Kreuz, darauf sein Name und die Zeit, die er auf Erden verbrachte, geliebt, oder eben nicht geliebt.
Unter dem Kreuz, Dauergrün mit viel Unkraut dazwischen.
Dem Unkraut nach war ich die Einzige, die ihn immer wieder mal besuchte – den Säufer und Lump – in meinen Schulferien.
Natürlich nahm ich zwei Flaschen Bier mit und ließ den trockengelegten Säufer und Lumpen ein bisschen schwimmen und das Unkraut gleich mit.
Drei Grabreihen weiter vorn sieht mich eine kleine, schwarz gekleidete Frauengestalt an und ich kann fühlen wie sie überlegt, wie sie mich am besten verscheuchen kann – schließlich kommt sie ganz von diesem Gedanken ab und wendet sich intensiv ihrem Grab zu und ich klön noch ein wenig mit Opa.
Das hab ich natürlich nicht Oma gesagt, dass ich den Lumpen besuch und ihn auch noch wässer, mit ihrem Bier – wahrscheinlich hätte sie mir das nie verziehen.
Mit 14 ist der Himmel weit, die Träume hoch und die Augen so blau, blau, blau.
Der Glaube versetzt Berge, ist klar und rein, wie sprudelndes Quellwasser.
Gott ist ein weiser, alter Mann mit dem man plauschen kann und Gott hat Platz für einen Säufer, auch wenn der alles zerschlug.
Auf dem Friedhof modern im Eck der linken Mauer, die ausgepflanzten, verlebten Blumen vor sich hin und hüllen den ganzen Friedhof mit ihrem Geruch ein.
Neben den Blumen die Auftankstation:
Hochgestellter Metallwasserhahn, ein paar Zentimeter darunter, dass Eisengitter um darauf die Gießkanne abzustellen.
Es donnert, als der Wasserstrahl auf den Metallgrund der Gießkanne trifft.
Direkt daneben die kleine Kapelle mit dem Sünderglöcklein.
Ich hätt`s gerne bimmeln lassen, dieses Glöcklein. Damals.
Für meinen Opa und mich, damit es jeder im Städtelchen hören konnte, da waren zwei,
der eine hat gesoffen und die andere versuchte in die Welt vorzudringen, ohne das diese Entjungferung allzu großen Schaden anrichtete, für die Welt und die eigene Seele.
Schwierig, dass merkte ich schon damals.
Ich glaube, was uns verband, war seine und meine Einsamkeit. Trotzdem dass ich geliebtes Kind war, fühlte ich mich dem Säufer so nah und wollte mit ihm teilen, was er und was ich hatte.
Hitler war ein Hundsfott, damit hatte er nie zurückgehalten, in anderen Tagen, in den Tagen bevor Sie ihn holten in das nächste Städtelchen und als sie ihn wieder gehen ließen, mit gebrochenen Gliedern, war es
Danach.
Danach war er der Hundsfott, weil er seinen Monatslohn und sein Fühlen im Anker versoff, und der Welt und sich nur noch mit Verachtung gegenüber stand.
Gewiss, wenn er etwas länger gelebt hätte, wäre er mir mit eben solcher Verachtung gegenüber gestanden und ich hätte dem nichts entgegen zu setzen gehabt.
Mich schreckte das nicht und ich besuchte den Säufer weiterhin und begoss seine Trockenheit mit Omas Bier.
20 Jahre später fiel in einem kleinen Nebensatz, dass Opa am Freitag der Woche geräumt wird.
Nach 20 Jahren ist man eine braune Masse, verschwommen, irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Dieser andere, kleine, unlogische, dennoch menschliche Wert – das Zurückkehren, zu einer Seele, kleine und kurze Heimstatt finden, bei einem der ruht und nimmer erwacht – dieser kindlich anmutende Wert, war nach 20 Jahren abgegolten und des Säufers Grab wurde entfernt.
In der Nacht zum Freitag, ist der Himmel klar und hell. Winter liegt in der Luft und die Feuchtigkeit macht Dachziegel ziemlich rutschig.
Ich weiß das so genau, weil ich auf dem Dach der kleinen Friedhofskapelle stehe und mich mühsam vorkämpfe zum „Glockenturm“.
Nach einer gefühlten Ewigkeit bekomm ich das Glockenseil zu fassen und zieh es mit kräftigem Schwung auf meine Seite
– Bimm –
für dich, den Säufer
und als der Ton verhallt ist, schwing ich das Seil in die entgegengesetze Richtung
-Bamm -
für mich, die Ungläubige
Fr
27
Mai
2011
Das Ist,
vor unserem Haus ist schön.Dort steht eine Birke, deren Zweige schwer herabhängen. Die Zweige würden schon längst den Boden bedecken, würde ich sie nicht ab und wann stutzen, so dass die Birke ein lichtes Zelt bildet, das von der Sonne durchflutet wird.
Darunter, im schattigen Grund, wuchern Walderdbeeren, wilde und unwilde Akeleien.
Seit einem Jahr liegt dort ein großer, tönerner Topf, den ich nach einer Umtopfaktion einfach stehen ließ und den irgendwer, irgendwann umstieß.
Hinten links, hab ich Pan plaziert. Aus Ton und natürlich auf seiner Flöte spielend.
Außerhalb des Schattens der Birke, wächst zwischen bunt, blühenden Bodendeckern, Lavendel, in dessen Schatten schon seit Jahren Mathilde, die Schildkröte, ihr Nickerchen hält und nicht zu vergessen Elias, der Engel, der Punkt Sonnenuntergang seine Laterne entzündet.
Das Haben
ist eine Sucht. Weshalb ich als Raucher, zu jeder Jahreszeit draußen sitze, auf der Stufe vor dem Hauseingang. Ich sitze dort, verbannt, kurbel mir eine und zieh idiotischer Weise, mit einem befreiendem Gefühl das Nikotin in mich ein.
Während ich da kurbel, Nikotin einatme und den Rest ausatme, sich die Nacht über die Erde legt und die Grillen in den lauen Sommer zirpen, beginnt Pan auf seiner Flöte zu spielen. Er lockt und in seinen Augen ist ein Juchzen
Mary Ann, die Chefin Nummer Eins von Ameisenkohorte Soundsoviel, beginnt zu tänzeln und eröffnet damit den Ameisengartensommerstart.
Kohortenführer Sixtus kann dem natürlich nicht widerstehen und schwingt ein Tanzbein, von dem er nie wusste, dass er es hatte.
Was Pan als Anreiz sieht, sich erst recht ins Zeug zu legen und so gesellt sich zu Mary Ann und Sixtus die ganze Kohorte und zieht schwingenderweise in den Garten ein.
Ich glaube es ist Ram-boo – einer der vielen Winzlinge der Kohorte Soundsoviel, der da als erster den Ruf nach in the mood, tut.
In the mood, dudum, in the mood, ruft er aus der schwingenden Kohorte heraus, bis sich seine Nachbarn und letztlich die ganze Kohorte anschließt.
Der Ruf hallt durch das Birkenzelt und drängt empor, hinaus in die Nacht und hoch zum Mond, der daraufhin sein Licht eine Runde heller scheinen lässt.
Ich kurbel mir noch eine, seh wie die Glühwürmchen eintrudeln und aufgeregt durch die Nacht funkeln. Die Grillen legen ihre Streichinstrumente ad acta und steigen um auf Saxophon.
Mathilde gähnt herzzerreißend unter dem Lavendel und blinzelt verschlafen in den schwingenden Garten.
Am Himmel beginnt es zu brummen, als die Junikäfern eintrudeln, um die Posaune zu geben.
Lady Redblack nötigt ihren Sir Redblack mit ihr zum Sommerbirkenzeltball zu gehen
und dann beginnt es,
www.youtube.com/watch?v=bR3K5uB-wMA
die Saxophone und Trompeten legen sich ins Zeug.
Die Blümchen wippen, Mathilde tanzt und Pan ist entzückt.
In the mood.
Madame Pompedusa schneckelt mit ihrem gewichtigem Haus vorbei und lässt, ihre Stielaugen im Takt zu, in the mood, wippen.
Die Kohorte Soundsoviel befindet meinen umgestürzten Topf, als kohortentauglich und zieht darin in the moodmäßig ein.
Dann klappt Elias sein Buch zu, lässt die Sonne aufgehen und schaltet sein kleines Lichtchen aus.
Das Sein
ist Dunkel.Ich rauch mir eine, draußen vor der Tür. Die Solarlampen bescheinen den kleinen Weg, der um die Birke führt. Alles ist still, außer ein paar Grillen, die zirpen.
Ich drück die Zigarette aus.
Seh wie eine Ameise an meinem Bein hoch krabbelt und wisch sie weg.
Irgendwo von tief unten hör ich es fluchen, dass man so nicht mit Ameisen umgeht, schon gar nicht mit einem Ram-boo.
Und er hat recht.
Do
14
Apr
2011
Ich hab wirklich lange nach ihm gesucht, bzw ich hab tatsächlich die ganze Stadt abgetigert um ihn zu finden.
Aus Eisen, rot lackiert mit dicken, durchsichtigen Plastikwänden, die den Blick frei ließen, auf kleine bunte Kugeln, zwischen welchen Aladins Schatz verborgen war.
Unterhalb der durchsichtigen Wände, der schwarze Griff, unkaputtbar und kurz darüber der Schlitz für die Münze.
10 cent
für ihre Erinnerungen
und ich schmeiß sie bereitwillig ein, dreh den schwarzen, stabilen Griff, heb den Deckel von der Auswurfsluke und kassiere vier kleine, runde Kaugummis.
Lächerlich ist das.
Lächerlich und vor allen Dingen unhygienisch.
All mein Wissen, meine Erfahrung pocht auf ihr Recht und sagt mir, dass sich heute kein denkender Mensch mehr, Kaugummis aus diesem Ding holt.
Stymt, denke ich hinter her
aber ich mochte ja nur den Ring, der da silbern mit blau, zwischen all den Kaugummikugeln schimmert.
Es war schon Inbrunst, als ich damals, vor gut vierzig Jahren 5Pennig um 5 Pfennige hin gab, um einen Teil von Aladins Schatz zu erbeuten
Fast ist es makaber, wie ich angesichts der Hygiene, der Unbedeutsamkeit von Kaugummis zu einem erwachsenem Menschen mutierte.
Und dann kram ich sie wieder raus.
Meine Träume.
Meine Erinnerungen, an die Zeit, als sehnsuchtvoll zwei Kinderaugen die dicken Plastikwände durchdrangen,
als ich in einem Triumph mit 5Pfennig eine Minitaschenlampe bekam und damit das abendliche Leseverbot meiner Eltern umging.
Unvermittelt blicke ich da hinein, in das Damals, in das Jetzt, in vergessene Träume und wachende Sehnsüchte
ich schmeiss 10cent ein, dreh den schwarzen Griff, lass Kaugummis in meine offene Hand rollen
dann,
hab ich ihn.
Aladins Schatz,
den silbernen Ring, mit blau
und jetzt,
bin ich wirklich neugierig ob Tiffanys auch Kaugummiringe graviert.
Fr
11
Mär
2011
Es ruckelt ein wenig, als der Zug anfährt. Die Glastüre, die die Abteile von einander trennt, schiebt sich mit einem hydraulischem -sch- langsam zu.
Das ist neu, dieses hydraulische sch.
Alt ist die Regelmäßigkeit mit der der Zug über die Holzplanken pollert. Pa-dum, Pa-dum
die ganze Strecke über wird mich das begleiten.
Alt sind auch die Menschen in ihrer Art.
Wie sie laut und grölend,
leise und verschüchtert
selbstverständlich und unsichtbar,
kichernd und schweigend,
hoffnungstragend und hoffnungslos,
ihre Plätze suchen und dann, je nach coleur dort Platz nehmen.
Ich sitz ja schon,
und mit jedem der neu zusteigt mutet es an, als säße ich schon ewig in diesem Zug.
Dabei kam es mir vor, als wär ich erst vorhin hinzu gestiegen.
Eingestiegen, in die Gleichförmigkeit des Pa-dum, Pa-dum.
Es lullt so schön ein, dieses Pa-dum, Pa-dum
und es ist so einfach sich diesem Singsang hinzugeben, gedankenlos mit dem Blick durch das Fenster, in dem die Welt vorbei zieht.
Ich betrachte diese endlose Weite, seh die modernen „Windmühlen“ und lass meine Gedanken zu Don Quichotte schweifen. Und es ist mir so, als ob ich ihn sehen könnte in diesen goldenen Feldern, mit seinem Rosinante und einem Herzen angefüllt von Sehnsucht und Liebe, zum Abenteuer und seiner Dulcinea.
Pa-dum, Pa-dum, Pa-dum schleicht es sich in die freigeistigen Abenteuer und meine Phantasie lässt sich einschläfern, lässt der Monotonie Raum und hat für nichts anderes Platz, als Pa-dum, Pa-dum.
Abenteuer, junges Fräulein und dabei lässt der ältere Herr, der mir gegenüber Platz genommen hat, dass R scharf rollen.
Abenteuer, sind eine wichtige Essenz im Leben, aber das dürfte ihrer Aufmerksamkeit gewiss nicht entgangen sein. Jetzt schaut er mich fast großväterlich über eine imaginäre Goldrandbrille an.
Ich verkneif mir einen Banalitätssprüch wegen des Fräuleins, wo mir doch fast ein halbes Jahrhundert zueigen ist und seh ihm zu,
wie er einen laptop auf dem kleinen Tischchen zwischen uns aufstellt.
Kurz darauf scheinen seine Finger über die Tastatur zu fliegen – klickerklacker-padum-klickerklacker-padum- ein neuer Rhythmus und immer wieder fällt sein Blick mit einem Lächeln auf mich.
Dabei trägt er nicht diesen abwesendem Ausdruck, wie ihn die wichtigen und unentbehrlichen Menschen tragen, wenn sie demonstrieren das die Zeit viel zu kostbar ist, um sie an Ausblicke und Einblicke, an die Muse der Reise zu verschwenden.
Mich freut diese Erkenntnis und gleichsam fühlt es sich an, als würde dieser Mann mir mit seinem Lächeln, eine warme Hand reichen.
Er nickt fast unmerkbar und lässt seine Finger weiter über die Tasten tanzen.
Dann scheint es, dass er genug geschrieben hat, zu seinem Lächeln gesellt sich ein Ausdruck von Zufriedenheit.
Kurz und nachdenklich ruht sein Blick auf mir , dann steht er auf, geht bis an das Ende des Abteils und zieht die Notbremse.
Es quietscht ohrenbetäubend, bis der Zug nach einer gefühlten Ewigkeit, ruckartig zum Stillstand kommt.
Mit einem Lächeln, das wieder an ein Hand reichen erinnert, winkt er mich zu sich und ich folge seiner Einladung als wäre dieser Umstand das Selbstverständlichste von Welt.
Ein beleibter Schaffner, der wie ein Rohrspatz auf die heutige Jugend flucht,eilt an uns vorbei und erst nachdem die Türen sich mit einem sanften Sch.... geschlossen hatten, wurde es still.
Sollen wir uns also nach draußen wagen? Die Türen öffnen und dem gleichförmigen Padum, die Einzigartigkeit des Moments gegenüber stellen?
Junges Fräulein, kommen Sie mit?
Und ich, das junge Fräulein, kam mit und reichte ihm die Hand, als wir die Stufen des Wagons hinunter stiegen und mitten im Türkis des Meeres standen. Die Sonne tanzte darin und hinterließ auf den sachten Kräuselungen der Meeresoberfläche silberne Tupfen.
Ein wenig verschlug es mir den Atem und ein wenig klomm auch die Unsicherheit in mir hoch und immer wieder sah ich abwechselnd das Meer und jenen älteren Herrn an.
Türkis, dass ist doch ihre Farbe? fragte er.
Ich nicke nur.
Dann holt er schwungvoll mit seinem rechten Arm aus und der ganze Horizont schimmerte in den Farben des Regenbogens.
Oder doch lieber so?
Bevor ich in irgendeiner Weise reagieren konnte, kam Don Quichotte angerauscht– nicht auf seinem Rosinante, sondern auf einem Wal, der prustend durch das Türkis pflügte und lauter kleine Sterne an den regenbogenfarbenen Himmel pustete.
Ach - da kamen also die Sterne her, dachte das junge Fräulei.
Herr Amygdala – so hatte sich der ältere Herr, dem jungen Fräulein mittlerweile vorgestellt, meinte nur:
Ja da kommen die Sterne her
und der Morgentau auf frischem Grün.
Gepustete Sterne auf regenbogenfarbenem Himmel,
und Charon am Firmament, verzichtet auf zwei Münzen.
Ich hab das geschrieben, vor ihrem Vergessen junges Fräulein
und ich schreibe weiter, wider dem Vergessen
Manchmal tauch ich auf, in einem unvermuteten Moment,
und dann steck ich ihnen ein Gänseblümchen hinter`s Ohr.
In einem Padum
ich tauch auf in einem Padum – Padum
Padum-Padum
Die Stimme des Schaffners dröhnt in meinem Ohr.
Ich brauch ihre Fahrkarte. Ohne Fahrkarte muss ich sie des Zuges verweisen und eine Gebühr von 40 Euro einziehen.
Hallo, hören Sie? Ich brauch ihre Fahrkarte.
Gehen sie nicht über Los, begeben sie sich direkt in das Gefängnis – geht es mir durch den Sinn und das obwohl ich eine gültige Fahrkarte habe.
Benommen reich ich dem Schaffner die Erlaubnis, sich vom Padum offiziell einlullen zu lassen und als der Schaffner weiter in die Gleichförmigkeit trottet
und sich hinter ihm die Tür, mit einem leisen Sch schließt,
steh ich auf und zieh die Notbremse.
Es dauert ewig, bis der Zug quietschend und kreischend zum Stillstand kommt.
Dann öffne ich die Tür, steige die Stufen hinab und bin beindruckt von der Weite und der Farbe der Welt.
Es ist kein Regenbogen, sondern schnödes Blau am Himmel,
kein Wal prustet und kein Don Quichotte weit und breit,
das Gras hat das Grün des Sommers
und ich schreite hindurch wie durch türkisfarbenes Meer.
Kein Padum. Kein Sch.
Kein Schaffner der die Fahrkarte will für das Padum.
Nur ein Gänseblümchen, das da Weiß mit einem goldenem Kern, hinter meinem Ohr klemmt.
Sa
19
Feb
2011
Ich mag sie, die alte Dame. Zwei, drei mal am Tag laufen wir uns über den Weg und dann lächeln wir uns an.
Sie hat so etwas warmes in den kleinen, braunen Knopfaugen, etwas das mich fast dazu drängt auf sie zuzugehen und sie zu umarmen, feste, ohne jedoch die alten Knochen zu sehr zu drücken.
Sie sieht so sehr danach aus die alte Dame, dass sie ganz genau das jetzt brauchen könnte.
Eine dicke, feste, herzliche Umarmung.
Ich trau mich aber nicht. Wir kennen uns ja schließlich nicht, wir laufen uns nur ein paar mal am Tag über den Weg und dann lächeln wir uns an.
Irgendwann ging ich beim nächsten mal nicht einfach an den lächelnden Knopfaugen vorbei, sondern hängte dem Lächeln den Wunsch nach einem wundervollen Tag an und die banale Feststellung, dass Helios wieder nach Deutschland zurückgekehrt ist und ob sie jetzt auch die Wärme des selbigen genießen gehen wird.
Worauf die grande Dame stehen blieb und das Lächeln von den Mundwinkeln, hoch in die Augen wanderte, dort zu glänzen anfing und mit einem Lächeln ließ sie sich auf Helios und seine Sonnenstrahlen ein.
Wir plänkelten so dahin und nebenbei verließen wir die heiligen Hallen des Kurhauses und wandelten, gemächlichen Fußes durch den kahlen Kurgarten.
So erfuhr ich nebenbei, dass die lächelnden Knopfaugen zu Paula gehörten und das Paula in absehbarer Zeit die 80 knacken würde – und ich zick immer rum, wenn ich an die herannahende 50 denke.
Da lacht Paula, dass sich das nie ändern wird und irgendwann steckt man mit seinem, hoffentlich noch kraftvollem Geist in einem alten Körper und muss lernen mit den neu gesetzten Grenzen, die so ein Körper immer wieder aufzeigt und neu kalibriert, umzugehen.
Aber da haben Sie ja noch ein wenig Zeit, meint Paula, ab 60 wird das nämlich erst so richtig bunt.
An die 60 und ihre Folgen will ich noch gar nicht denken, ich bin ja schon voll auf mit dem Mittelalter beschäftigt und Paula ist so nett und macht den Schwenk vom alten Körper zum zurückkehrenden Frühling mit, wofür ich ihr wirklich dankbar bin.
Diese ersten Sonnenstrahlen, waren uns Beiden ein Hochgenuss. Ein unverhoffter Hauch von Sommer war das, Morgentau auf lindgrünem Gras, die Gewissheit das früher oder später die Kälte dem herannahendem Frühling weichen musste, machte unser beider Herz ein ganzes Stück leichter.
Unter der kahlen, knorzigen Eiche blieben wir stehen und versuchten zu erraten, welche Berühmtheit sich hinter der Bronzestatue versteckte, die ein Philipp Sadler wohlmeinend gestiftet hatte.
Wir fanden aber keinen Anhaltspunkt, weshalb wir aus dem unbekanntem Kopf einfach Goethe machten, nur weil uns der Gedanke gefiel, Goethe würde Frauenpalaver lauschen – wogegen sich jener garantiert mit Händen und Füßen gewehrt hätte, aber was will man schon zwei Frauen mit insgesamt 122 Jahren auf dem Buckel entgegen halten? Eben, Goethe schwieg wohl weislich und wir kicherten uns eins ab.
Sonst war es so, dass ich mich fürchtete, wenn die Menschen von „Früher“ begannen. Entweder fanden sie früher alles besser und schimpften auf die neue, schlechte Zeit,
oder sie fanden, früher war alles viel schlimmer und sie trugen dieses „Schlimmer“ als Rechtfertigung für ihre Grobheit, Rücksichtslosigkeit vor sich her.
Deshalb hielt ich für einen Augenblick die Luft an, als Paula mit „Früher „ begann. Sie begann aber gar keine Litanei, weder in die eine Richtung noch in die andere Richtung.
Sie saß da neben mir auf der Bänke, während Goethe bronzeköpfern in unsere Rücken starrte und begann einfach Geschichten zu erzählen.
Wie sie als kleines Mädchen, mit ihrer Mutter auf die Felder ging und wie sie da eines Tages entzückt und mit offenem Mund in der Frühlingswiese ein Flugzeug, dass allererste in ihrem Leben beobachtete – und wie ihr Entzücken immer größer wurde, als das Flugzeug begann einen großen Kreis zu fliegen und dann nochmals eine große Acht in diesen großen Kreis malte.
Und dann die erstaunliche Erkenntnis, dass sich die Mutter über dieses malende Flugzeug nicht freute, sondern in schiere Panik geriet – mei Mädel, nimm die Beine in die Hand – und wie sie atemlos den ganzen Waldweg zurück nach Hause hetzten.
Paula sieht mich an und für einen kleinen Augenblick, ist dieses kleine Mädchen von damals, ganz deutlich zu erkennen, die Augen blitzen und die Wangen sind leicht gerötet.
Ich versuch mir das gerade vorzustellen, wie man voller Schrecken nach Hause hetzt, bevor die Jagdflieger begannen kurz hinter einem kleinen schwäbischen Dorf ihre übergebliebenen Bomben loszuwerden, um ohne Last den Heimflug zurück über den Atlantik antreten zu können.
Die wilde Acht war das, sagt Paula. Heute weiß sie das und wird es ihr ganzes Leben nicht mehr vergessen.Wir sind die wilde Acht und kommen Tag und Nacht.
Blöder Spruch, sagt Paula, aber damals war der in aller Munde und auch Paula hatte nach diesem ersten Erlebnis einen heiden Respekt vor der Acht.
Irgendwie scheint es, als wäre ein kleiner Damm gebrochen und Paula erzählt weiter
von ihrem windschiefem Haus, das damals außerhalb des Ortes, unten in der Kling, lag.
Kein Wasser, kein Strom und die Toilette war ein Plumsklosett knapp 20m vom Haus entfernt. Eines Tages kamen die amerikanischen Soldaten und quartierten sich dort ein. Ich weiß das noch, wie heute, meint Paula, die haben mir schwer imponiert, mit ihrer Sprache und ihrer Art, aber vor allen Dingen mit Kaugummi und Schokolade.
Da stand ich kleiner Pimpf, mit einem schwarzen Wuschelkopf und war hin und weg als mir ein Soldat ein Täfelchen Schokolade in die Hand drückte und wie ich mich umdrehe, um diesen Schatz in meiner Mauke zu verstauen, steht da ein riesengroßer schwarzer Mann vor mir, mit einem tiefen, Lachen und blitzend weißen Zähnen, in einem runden, rabenschwarzen Gesicht.
Mit offenem Mund stand ich da und mir fiel sogar die Schokolade aus den Händen, weil
ich nur noch wissen wollte: Wie um alles in der Welt, kommt der große Mohr aus meinem Bilderbuch hier her.
Heute kann man sich das kaum mehr vorstellen, ein kleines Bedauern, macht sich in Paulas Augen breit, aber damals, als die Welt noch klein und spätestens in der nächsten größeren Stadt endete, da war das schon etwas ganz unglaubliches.
Der Wandel der Zeit und auf einmal steht man da, alles fühlt sich an, als wäre es Gestern gewesen, selbst die Gerüche sind wieder da und der Geist entsinnt sich an all die kleinen Freuden und Traurigkeiten. So vieles woran man schon lange nicht mehr dachte, taucht wieder auf und fordert die Wehmut und die Nostalgie, die Erinnerung, die Zeit und all die Menschen die mal mehr oder weniger begleitet haben und dann vor allen Dingen, all die Menschen deren Zeit vor einem selbst abgelaufen ist –
Ach Paula, seufze ich, ich bin doch so ein Feigling und vor dieser Endlichkeit drück ich mich doch noch lieber für ein paar Jährchen
Ist schon gut, Liebes und Paula streicht sanft über meine Hand, Feiglinge sind wir doch alle, zumindest so lange bis das Unausweichliche vor uns steht.
Da, sehen wir uns tief in die Augen und dann umarmen wir uns, herzlich, dick und warm und für einen Moment frag ich mich, ob Paula wohl das selbe dachte, wie ich, als wir uns das erstemal sahen und lächelten.
Sa
08
Jan
2011
Jetzt ist es so weit, meine Arme sind zu kurz um ein Buch in ausreichendem Leseabstand halten zu können.
Und nun düs ich lesenderweise wie ein Uhu durch die Gegend. Ein Leseuhu. Meine Kinder beömmeln sich und ich bin fast so etwas wie schockiert. Da hab ich mich in aller Zaghaftigkeit und mit Müh und Not an die 40 gewöhnt und dann stell ich ganz nebenher fest, dass frau demnächst das halbe Jahrhundert knackt.
Ich mutier also quasi zur weißen Frau, weil das Melanin beschlossen hat sich nicht mehr neu zu produzieren und irgendwelche anderen Zellen, exakt das selbe beschlossen haben.
Ich würde es ja gerne damit bewenden lassen, indem ich den Knallschoten von Zellen ein:
Ihr spinnt doch alle,
entgegenschmetter
nur bin ich mir in diesem Falle gewiss, dass sie das keinen Schnalzer beeindruckt – ihre Unwilligkeit sich weiter zu reproduzieren wird weiter die Lach und Tränenfalter tiefer graben.
Also doch: moriture te salutante
Aber nicht mit mir, mit mir nicht, nur das ihr das wisst ihr destruktiven Zellen.
Ich zerr Nehberg aus dem Bücherregal und such verzweifelt die Seite, wie man dem Brillendasein entrinnt.
Mit Augenrollen, entnehm ich dem Survivalbuch- Augen rollen nach rechts, nach links, nach oben, nach unten – jeweils bis zum Anschlag und falls ihnen dabei übel wird, ist das nicht weiter schlimm, steht in der Anleitung auch mit dabei.
Also rolle ich alle Richtungen ab, leg noch eins drauf indem ich mit beiden Glubschern die Nasenspitze anpeile und was ist das Ergebnis?
Mir ist schlecht, was ich trotz gegenteiliger Behauptung schlimm finde, aber das weitaus schlimmere, meine Arme sind immer noch zu kurz zum Lesen ohne Brille. Mist.
Bitte ersparen Sie sich jedweden Kommentar, in Sachen Geduld – Sie wissen, bzw Sie sollten jetzt wissen, meine Zellen sind eifrig am sterben, mit Geduld kommt man da nirgendwo hin.
Also setze ich mich, auf das sich die Übelkeit lege und während ich da so sitze und sinniere kommt mein Jüngster, läd seinen Bundeswehrmief ab und fragt im vorbeigehen ob ich das nicht waschen kann.
Aus einer Art Schockreaktion heraus, sag ich statt des obligatorischem Ja -
Nein, meine Arme sind zu kurz, meine Zellen sind am sterben und Wäsche waschen kommt in diesem traumatisiertem Zustand überhaupt nicht in Frage.
Über den Blick meines Sohnes lass ich mich jetzt nicht weiter aus
ich hab ihn nur dezent darauf hingewiesen, wenn er weiterhin so die Stirn runzelt, wird er ein echtes Problem haben, wenn seine Zellen in dem Stadium sind, in welchem sich meine befinden – flüchtig, auf nimmer wiedersehen.
Woraufhin er irgendwas von Gehirnzellen murmelt, den Klamottensack stehen lässt und selbst eiligst abrückt.
Noch so ein Flüchtiger denk ich mir. Nur das ich ihn, im Gegensatz zu meinen Zellen, spätestens dann wieder sehe, wenn der Hunger drückt.
Nachdem meine verbliebenen Zellen und ich, dann noch eine Weile vor uns hinsinnierten und ich zu dem Schluss kam, dass sich die Zelldeserteure weder durch lukullische Köstlichkeiten, noch durch couchpotating zur Rückkehr bewegen ließen, fasste ich die eklatante Entscheidung, sportlich aktiv zu werden.
Was insofern eklatant ist, weil ich der Welt unsportlichste Zellnochinhaberin bin.
Tag 1
war ich dann voll des Tatendrang, schnappte mir mein Fahrrad um ungedopt mit Armstrong in Konkurrenz zu treten.
Bzw, ich wollte – als ich dann aber auf das Radel steigen wollte, stellte ich fest, dass irgendeiner meiner Nachkommen - alles abmontiert hatte, was abzumontieren war.
Tag 2
war noch immer alles abmontiert, trotz meiner nachhaltigen Intervention ob der Dringlichkeit meiner desertierenden Zellen.
Tag 3 – wenn Sie selber Kinder haben, wissen Sie was jetzt wieder kommt:
war immer noch alles abmontiert.
In Anbetracht der lustig weiter dahin sterbenden Zellen, machte ich mich fluchend selbst daran, all die fehlenden Teile wieder anzuschrauben, was etwas chaotisch war, aber
zumindest hab ich lang nicht mehr benutzte Zellen, die eben dabei waren zu flüchten, wieder schwer aktiviert.
Nur zum Radeln hatte ich dann keine Lust mehr.
Tag 4
war ich in der vollen, bewussten Absicht und zielgerichtet zu meinem Radl unterwegs, dass da normalerweise ein einsames Leben in der Garage fristet und ich glaube, seit Neuestem freut es sich immer wenn es mich sieht – als doch glatt meine Freundin ums Eck herum kam.
Blöderweise muss ich gestehen, wenn ich die Wahl zwischen Fahrrad und Schnickschnackkaffeeklatsch habe, wähl ich natürlich was?
Eben, auch eine an flüchtenden Zellen leidende Frau ist nur Frau.
Tag 5
es regnet und auch wenn in diesen paar Tagen gewiss wieder zig Zellen abgeschmiert sind, murmel ich nur so ein: Gott sei dank, vor mich hin.
Tag 6
es regnet immer noch. Mein Kater streift mir pitschnass um die Beine und ich kann ganz deutlich hören, wie er sagt: Mach dass du in deinen Lieblingssessel kommst, schnapp dir ein gutes Buch und ich schnurr dir die Ohren voll.
Wie werd ich meinem Kater widersprechen!
Tag 7
war da was?
Sehen Sie wie schnell das mit dem Zellverfall geht?
Da fängt man so aktiv an und am Ende weiß man von nüschts mehr.
Hab ich Ihnen schon erzählt, dass ich seit neuestem wie so eine Leseuhu durch die Gegend düs?
Nein?
Also:
Jetzt ist es so weit, meine Arme sind zu kurz um ein Buch in ausreichendem Leseabstand halten zu können...
Do
30
Dez
2010
Er war ein Gast zu später Stunde und als ich ihn einließ,
ihm seinen schweren, schwarzen Mantel abnahm und wir uns in den Sesseln vor dem Kamin nieder ließen, lag ein wissendes Lächeln um seinen Mund und seine Augen funkelnden, wie ein ferner Pulsar am Sternenhimmel.
Ein alter Freund, der so viele Wege mit mir gemeinsam gegangen war. Anhöhen hinauf und tiefe Täler hinunter und immer war es ein wenig so, als würde er sagen
Lass sie mal machen. Sie wird lernen, sie wird fühlen, sie wird sehen und irgendwann wird sie mir die Hand reichen, versöhnlich und wissend.
Wie viele Jahre waren das jetzt?
Acht?
Ja acht, sagt er. Acht Jahre in welchen du mir bewusst die Türe geöffnet hast und ein ganzes Leben in dem ich dich begleitete und du mich gar nicht wahrnahmst.
Versonnen liegt sein Blick auf mir.
Ein ganzes Leben lang, wiederhole ich und seh ihn dabei an. Ein ganzes Leben und nun ist es vobei, Oder? Muss es vorbei sein?
Mein Gast spürt die Sorge, immerhin wir kennen uns schon lange und er weiß natürlich wie schwer es fällt, eine Türe zu schließen, los zu lassen und durch eine andere Türe zu gehen, die da schon offen steht und nur darauf wartet, durchschritten zu werden.
Eigentlich ist es nicht schwer, meint er, es ist nur die Gewohnheit die so zu schaffen macht.
Die Gewohnheit in der Zeit und das Leben das darin steckt
das nun ein Ende findet und gleichermaßen einen neuen Anfang.
Ein klein wenig ist das wie sterben und geboren werden, in einem Moment.
Hey, er streicht mir über den Kopf. Es wird anders sein, du hast deine Erfahrungen gesammelt – auch mit mir und durch mich
Es waren Etappen, lauter kleine Etappen und jedes mal warst du mit Inbrunst überzeugt:
Das ist es jetzt
und jedes mal lerntest du dazu, musstest erkennen das deine Überzeugung für diese eine Zeit die Richtige war und nachdem du neues wusstest, wich die Überzeugung einer Frage
und mit jeder neuen Frage auf die du eine Antwort fandest, kamst du ein Stück näher zu dir.
Heute nun, jetzt heute Abend,
da wir beisammen sitzen, du dir maskenlos ins Herz schautest und du im Laufe der Zeit nachsichtig mit dir selbst wurdest, du dir verzeihen konntest nicht perfekt zu sein, weder innen noch außen, suchst und brauchst du nicht mehr meinen Schutz und Mantel der ich dir immer war.
Du brauchst weder mich, noch einen Handlanger der meine Ausdruckskraft umsetzt.
Noch vor ein paar Jahren, hättest du all das vehement zurückgewiesen, hättest bestritten und mit jedem Anwalt im Duell der Worte gewonnen, wäre da jemand gewesen und hätte mit dir so gesprochen, wie du es heute mit mir und vor allen Dingen mit dir tust.
Das Leid,
ICH bin so groß, wie du willst das ich groß bin und ICH bin jener, der dir die Flucht bietet aus der Nulllinie des Alltags, der dir das Oben und das Unten gibt,
ICH bin jener der dich aus der gefühlten Leere herausholt und diese Leere anfüllt mit Schmerz.
ICH bin dein Gott – und du folgst mir wie das Lamm.
So ist das, gelle – und mein Gast schmeichelt mich an, wie Butter in der Sonne.
Ja so ist das.
Und ich frage mich, nach all diesen Jahren, was mich daran so berauscht, entzückt, ver-rückt und auch so gläubig gemacht hat.
Jetzt da mein Gast, klar, deutlich, erkennbar vor mir steht.
Aber ich weiß, dass ist auch wieder nur eine der momentanen Überzeugungen und irgendwann sagt die Zeit etwas ganz anderes.
Herr Masoch nimmt mich in den Arm
und einen Moment wiegen wir uns wie im Wind
ich reich ihm die Hand, versöhnlich und wissend
dann geht er.
Do
02
Dez
2010
Es ist eine außergewöhnliche Schneekugel – mit dicken Glaswänden, die eine kleine Miniaturstadt umschlossen.
Lauter bunte Häuser in einer Schnee bedeckten Welt, durch deren Gassen und Straßen die Menschen der Zeit nachgehen.
Es gibt einen großen Weihnachtsbaum im Zentrum der Stadt, in dessen Nähe ein kleiner Chor mit voller Inbrunst ein Liedchen singt.
Da ist ein kleiner Junge mit einer roten Pudelmütze und dicken roten Fäustlingen, der einen Schlitten hinter sich herzieht.
Gegenüber vom Rathaus, steht eine Frau mit einem Einkaufskorb der schon fast voll von den Einkäufen ist.
Beim Weihnachtsbaum findet sich ein Herr, mit einem Borsalino und einem wadenlangen Mantel, der sich gerade den Kragen hoch schlägt um Schutz vor der Kälte zu finden.
Es finden sich dort noch viele andere Menschen, aber diese drei sind in diesem Moment, die markantesten.
Und dann,
umfassen zwei Kinderhände diese Schneekugel und schüttelt sie, auf und ab, auf und ab und ein faszinierte Augenpaar starrt durch das Glas in das Schneetreiben in der Stadt.
Frau Bartelbie beginnt zu fluchen, weil ihr noch die Weihnachtsgans fehlt und sie doch eh schon in allem hinterher hinkt und ausgerechnet jetzt muss der Schnee so über sie hereinbrechen, dass sie bald die Hand vor Augen nicht mehr sieht.
Johann, der kleine Junge mit den Fäustlingen, sieht in dem Schneesturm die optimale Chance sich um die Hausaufgaben zu schlenzen und noch einmal zum Tafelberg zurück zu kehren, um noch ein paar rasante Abfahrten mit seinem Schlitten hinzulegen. Es fährt sich so viel leichter mit dem Schlitten, als mit dem Füller über das Papier.
Herr Lüders zieht den Kragen seines Mantels enger, kneift die Augen zusammen in der Hoffnung dann klarer durch den Schnee sehen zu können und seine Verabredung zu erkennen. Die Tageszeitung ist ihr Erkennungszeichen, unter dem Weihnachtsbaum im Herzen der Stadt.
Herr Lüders ist nervös, was dieser plötzlich hereinbrechende Schneesturm nicht besser macht.
Der kleine Chor beim Weihnachtsbaum lässt sich in gar nichts von diesem Schneesturm beeindrucken und schmettert weiter inbrünstig
o du Fröhliche – in die Welt hinaus
und
es riecht nach gebrannten Mandeln.
So überraschend und heftig wie der Schneesturm hereingebrochen war, so langsam aber gewiss, findet er sein Ende.
Ein paar letzte Schneeflocken landen noch sachte auf dem Weihnachtsbaum,
dann bietet die Stadt wieder ein Bild behaglicher Ruhe,
Eine Frau mit einem vollen Einkaufskorb winkt einem Taxi
am Weihnachtsbaum steht ein Mann der sich seinen Kragen enger fasst und unweit von ihm lässt eine Frau in einem grünen Cape den Blick über den Marktplatz schweifen.
ein kleiner Junge, mit einer roten Nase und roten Wangen schaut in den Himmel als ob er fragen wollte,
kannst du es schneien lassen? Wegen des Tafelbergs?
Und zwei Kinderhände umfassen die Schneekugel und schütteln sie auf und ab, auf und ab.
Do
11
Nov
2010
Ich komme immer furchtbar gern nach Hause.
Jetzt, wo ich fast ein halbes Jahrhundert in und an mir trage, wo meine Kinder groß sind und ihrerseits die Welt erkunden, setze ich mich öfters in mein Auto und fahre nach Hause, zu meinen Eltern.
Das gusseiserne Gartentor quiescht leise, als ich es öffne und ich geh hindurch ohne mein Haupt beugen zu müssen. Im Sommer ist das ein Ding der Unmöglichkeit ungebeugt durch dieses Tor zu kommen, da ist es so dicht von Hopfen eingerankt das ein jeder, der auf die andere Seite will, sich tief beugen muss.
Bei uns kommen halt nur demütige Menschen rein, sagen beide und der Schalk blitzt aus den Augen und die Lachfalten von Mund und Augenwinkeln haben ein Stelldichein.
Ich geh im Dunklen. den kleinen Weg der sich durch die Buchsbaumreihen schlängelt, am Fuß der Treppe steht Frau Riesenpiratinkürbis, mit Kussmund und einem zwinkerndem Auge und oben, treff ich auf Herrn Riesenpiratenkürbis, mit Augenklappe und gebleckten Zähnen und über der Haustüre hängt eine prächtige wundervoll anzusehende Mistel.
Als ich klingle, dauert es ein wenig und dann öffnet mein Vater die Tür.
Klein ist er geworden, in all den Jahren und so groß innerlich. Er steht da vor mir, mit dem obligatorischem Bikertuch auf dem Kopf, strahlt mich an, reicht mir seine Hand und zieht mich an sein Herz.
Schön mein Mädchen, das du da bist, sagt er, was führt dich zu uns?
Und ich sag: einfach nur so
gemeinsam gehen wir durch die Küche in den angrenzenden offenen Wohnbereich, wo an der Tafel meine Mutter sitzt.
Man kann das nicht Tisch nennen, es ist eine Tafel, immer wenn ich komme ist der Tisch „eingekleidet“ je nach Jahreszeit, mit Kerzenhaltern und jahreszeitlichem Schnickschnack.
Eben dort sitzt meine Mutter, mit ihrem leuchtend rotem Haar über ein Sudoko gebeugt und als sie mich sieht, legt sie ihren Stift beiseite, steht auf, umarmte mich innig und lässt mich wissen, wie sehr sie sich freute mich zu sehen.
Ich bin zu Hause.
Zu dritt sitzen wir am großen Tisch, besprechen Wichtigkeiten und Nebensächlichkeit, wir wandern zu den Philosophen und von dort zur Politik.
Dann kommt der Vorschlag, ich weiß nicht mehr von wem, ob man denn nicht mal wieder eine Feuerzangenbowle machen soll
Jetzt?
Ja jetzt, meine Mutter ist das.
Und schon enteilt mein Vater in die Tiefen des Weinkellers, meine Mutter sucht den Topf und das Flammenschwert für den Zuckerhut und sie sucht den Zuckerhut selbst, derweilen ich die Orangen richte.
Nach einer kleinen Weile der Emsigkeit, steht der Feuerzangenbowlentopf auf dem Tisch, mit dem Zuckerhut der wie ein kleiner Berg auf diesem so schön geschwungenem Schwert über dem Topf thront.
Das große Licht ist gelöscht und viele kleine Lichter tauchen den Raum in eine behagliche Wärme.
Big Ben, die große Standuhr lässt ihren einzigartigen Schlag erklingen, draußen bläst der Wind ums Haus und rüttelt an den Rollläden und mein Vater beginnt damit, den Zucker mit Rum zu beträufeln und dann in einem Moment der ein Leuchten in unser aller Augen zaubert, entzündet er den Zuckerhut.
Irgendwie ist das wie Weihnachten, nur das das Geschenk heute ein ganz besonderes ist.
Eigentlich sind wir ja viel zu früh, draußen ist es noch nicht bitterkalt, aber im Kachelofen knistern die Scheite und mit wenig Aufwand, lässt sich auch eine richtige Eiseskälte draußen vorstellen.
Wir dürfen also auch ohne Kälte, eine Erkenntnis die uns alle drei schmunzeln macht.
Und für einen Augenblick sehen wir alle versonnen der bläulichen Flamme zu, die den Zuckerhut auflöst und langsam aber stetig in den Rotwein tropfen lässt.
Immer ist es diese bläuliche Flamme, die ein unwiderstehliches Faszinosum bildet, die anzieht als wollte sie sagen, seh her und erinnere dich.
Und natürlich erinnert man sich, an längst vergangene Tage.
Weißt du noch? Damals? Als Uri – meine Großmutter - noch lebte?
Uri fehlt jetzt, sie mochte das Procedere um die Feuerzangenbowle und sie wusste wahre Geschichten die ein gruseln machten, sie kannte Zoten das es einem mitunter die Sprache verschlug und sie kannte Lieder und Gedichte die heute keiner mehr singt und rezitiert, weil sie mit ihrem Tod dem Vergessen anheim fielen.
Uri bekam das Frühstücksei ab, das eigentlich meinem Vater zugedacht war.
Damals ein frischgebackener Pensionär und generalmäßig gewohnt das alles so lief wie er es wollte, – auch ein Haushalt der eine kleine Ewigkeit ohne ihn ausgekommen war – und der gewiss nicht böswillig aber doch sehr eigenwillig, alles verbessern wollte.
Selbst das Bügeln wollte er meiner Mutter neu beibringen, was meine Mutter damals alles ziemlich gleichmütig hinnahm bzw immer wieder mal einen „Herrerbarmedichblick“ gen Himmel schickte.
Nachdem sich jener Herr aber nicht erbarmte, nahte dieser Sonntag heran,
an welchem mein Vater generalstabsmäßig durch die Küche ging, meine Mutter leicht enerviert war und als wir dann endlich alle unten im Garten unter einem Efeudach beim Frühstücken saßen, fing mein Vater tatsächlich ernsthaft an, an dem Frühstücksei rumzunörgeln, loriotmäßig.
Das das niemals weich sein könne, weil das viel zu lange gekocht hatte. Dieses Ei habe definitiv länger als drei Minuten gekocht, er muss da ja wissen, er war auch in der Küche.
Uri saß am Kopf des Tisches und schmierte sich ganz unbeindruckt von den Generalitäten ein Frühstücksbrötchen, aber die Augen meiner Mutter funkelten kleine Blitze und sie schickte diesem Blitzen die Worte:
wenn du jetzt nicht aufhörst, dann geb ich dir ein Frühstücksei, das sich gewaschen hat,
hinterher.
Zu meinem erstaunen, bemäkelte mein Vater weiter das Ei, das er ja noch nicht einmal geköpft hatte und zack,
kam ein Ei geflogen
weil mein Vater das noch rechtzeitig erkannte und sich in Deckung brachte, meine Großmutter aber immer noch mit Brötchen schmieren beschäftigt war, landete das Ei direkt auf ihrem linken Brillenglas.
Für einen Moment herrschte absolute Stille, dann stellte meine Großmutter trocken fest:
wenn das kein weiches Ei ist, bin ich Queen Mum
Bann gebrochen, was haben wir gelacht – damals wie heute, nur heute klingt ein wenig Wehmut mit.
Meine Mutter holt den Inn hervor
und weißt du noch, wie dein Vater uns vor den Flutmassen gerettet hat? Allein mit einem Messer und zwei Flaschen Wein?
Jaha, wir erinnern uns noch und wie. Der Kampf der Titanen, wobei der eine Titan zur fortgeschrittenen Nacht zwei Flaschen Wein intus hatte und ein anderer Titan(ein echter, so ein Wettergott) meinte, er müsse es regnen lassen und regnen lassen und regnen lassen – bis das der Inn immer höher anstieg und nur noch zwei drei Meter zwischen ihm und unserem Schawuzel dem Wohnmobil lagen.
Worauf dann mein Vater heroisch, dank des Weines, sich an die Ufer des Inns stellte, und ihn unter Gewaltandrohung, eben mit dem Messer, dazu aufforderte das Ansteigen sofort zu unterlassen. Naturgewalten unter sich – wobei mein Vater dann irgendwann einsehen musste, dass es einfacher war einfach das Schawuzel ein paar Meter höher zu fahren.
Jaja die Einsicht, man wird ja einsichtiger mit dem Alter – selbst bei meiner Tochter ist das zu bemerken, und dabei sieht er mich mit diesem Blick an, den nur Väter haben.
Mit einem leisen Lächeln, beträufelt mein Vater nochmals den schon merklich geschrumpften Zuckerhut
und fängt dann zu lachen an und erzählt, wie er heute in die Wipfel eines 10Meter Baumes stieg, um eine Mistel zu holen, für meine Mutter, weil sie die Frau für das Feine ist und für sich, weil er die Herausforderung liebt.
Und beider Herz schlug vor Aufregung und Kraftanstrengung und ein bisschen auch vor Angst – zumindest bei meiner Mutter
doch jetzt hängt sie da, die Mistel, über der Eingangstür
und natürlich haben sie sich geküsst, nach mehr als 50 Jahren Ehe, innig und geliebt geküsst und beide strahlen wie die Oktobersonne an einem klaren Tag.
Ich kenn sie nicht alle, ihre Höhen und Tiefen, aber ich kenne viele, und in mir ist das ein stille Freude, dass sie alle gemeinsam gegangen sind und sich heute wohl näher denn je sind.
Auch deshalb kehr ich immer wieder so gerne nach Hause.
Big Ben schlägt wieder seinen unvergleichlichen Schlag, bis weit nach Mitternacht ist die Erinnerung vorgedrungen, wir löschen die Kerzen und dann schlaf ich, im Anbetracht eines kleinen Feuerzangenbowlenrausch, das erstemal seit über 20 Jahren in meinem ehemaligen Zimmer
und fühl mich einfach nur wohl.
Ich komm gern nach Haus.
Fr
17
Sep
2010
Die Sehnsucht nach dem Meer wurde Ella mit in die Wiege gelegt.
Groß, weit und salzig. Ein endloser Horizont, in dessen Wellen sich die Sonne wiederspiegelt. Mit einem Wind, der leise von der Ferne flüstert und Sternen die die Geschichten der Seefahrer erzählen.
Mit Möwen die sich am Ufer um Futter zanken und mitten drin Ella, gehüllt in ein übergroßes Badetuch, die sich vehement weigert durch das Wattmeer zu wandern, nachdem ihr ihre Mutter erzählt hatte, dass all die kleinen Häufchen die sich dort finden, von Wattwürmern stammen.
Das Meer hatte also Würmer und wenn man ins Meer hinein hüpfte und dabei vergaß den Mund zu schließen, erfuhr man ganz nebenbei, was salzig tatsächlich bedeutete.
Das waren natürlich erhebliche Einschränkungen, fand Ella, aber die Liebe, das Heimweh zum Meer, blieb trotzdem ein Leben lang.
Die Welt war eine Mondlandschaft. Seltsam stumm und kahl, durchzogen von einer Leitplanke, die nicht enden wollte.
Ella hatte den Kopf an die kühle Scheibe des Beifahrerfensters gelegt und sah der unendlichen Leitplanke zu, die keinen Anfang und kein Ende hatte.
Einmal sah sie zu Karl hinüber, sah wie er mit eisernem Griff das Lenkrad umklammerte, sodass seine Handknöchel weiß hervorstanden. Karl erzählte irgendwas vom Meer und ob sie sich freute.
Sie sieht ihn nur verständnislos an und sagt ja, weil es wohl richtig scheint und krallt sich mit den Gedanken in der Monotonie der vorbeiziehenden Leitplanke fest.
Karl steht wie mit Bleifuß auf dem Gaspedal, geradeso als würde es morgen kein Meer mehr geben.
Irgendwann tauchen Windmühlen auf.
„nicht Windmühlen, du blöde Fotze. Windräder, das sind Windräder – weißt du denn gar nichts“
Windräder ja, Windräder waren das. Windmühlen gehören zu Don Quichotte, seinen Abenteuern, seinen Illusionen.
Ella ist froh, dass ihr das richtige Wort von ganz allein einfiel und betrachtet voller Erstaunen, all die Windräder, die sich an ihrem Fenster auftun.
Windräder, flüstert Ella und die Windräder lösen die Leitplanke in ihren Gedanken ab.
Das Hotel lag mitten in den Dünen und der Geruch des Meeres war ganz nah, aber Ella ging zwischen den Dünen, wie im Grau der Leitplanke entlang.
Heimat, Schutz und Wall, all das ging verloren
als sie gestern? Vorgestern? Vor Tagen? eine dieser Hollywoodgeschichten im Fernsehen schaute. Welche Geschichte genau, das weiß Ella nicht mehr. Es war aber eine dieser Harter-Kerl-rettet-die-Welt-geschichten.
Das weiß Ella noch so genau, weil sie wie ein Karnickel in den Fernseher starrte, nur um nicht Karls Augen, seiner Wut , seinem Hass zu begegnen und weil ihr Instinkt flüsterte,
wenn du dich bewegst, hast du verloren.
Also saß Ella wie versteinert auf dem Sofa, ließ die Schimpftirade über sich ergehen, sah Clint Eastwood wie er ganz cool den Rächer gab und sah dann dieses zornesrotes Gesicht, das sich in ihr Blickfeld schob.
Ella schloss die Augen, versuchte mit den Fingerspitzen das Muster im Sofapolster zu ertasten, roch den Alkohol, der Karl aus allen Poren drang und wünschte sich, Clint Eastwood würde aus dem scheiss Fernseher klettern.
Clint Eastwood ritt statt dessen in das Abendrot und Karl ließ in seinem Zorn von ihr ab um ein willfährigeres Opfer zu suchen, das reagierte und nicht so dämlich wie Ella vor sich hin glotzte.
Ella betete inständig, dass der Kater nicht im Haus war und das Karl seinen Zorn in der nächsten Flasche ertränkte und darüber einschlief.
Doch so sicher, wie Clint Eastwood nicht aus dem Fernseher kletterte, so sicher fand Karl den Kater.
Sie hörte das Telefontischchen fallen, den Kater fauchen und Karl monströs wachsen in seinem Hass.
Ellas Herz schlug bis zum Hals, als sie sich vorsichtig erhob, zaghaft Schritt um Schritt tat und ihren Instinkt ignorierte der jetzt fast schrie, wenn du dich bewegst, hast du verloren.
Was konnte denn der Kater dafür. Was um Himmels Willen, konnte denn der Kater dafür.
Sie sieht Karl, wie er sich vom Kater abwendet, wie er sich langsam aufrichtet, geradezu auftürmt und direkt auf sie zu kommt. Schon der erste Schlag in die Magengrube reißt Ella in die Knie.
Der Rest verliert sich in Leitplanken und Windrädern und Ella ist dankbar dafür, so den Menschen fliehen zu können, froh, so Karls Vorwürfen zu entgehen, dass sie an allem Schuld und nicht dankbar genug ist, für das Meer das er ihr jetzt schließlich zeigt.
Vor alldem floh Ella in den Schutz des Grau und in den Schutz einer Düne hinein, wo sie saß und auf das Meer blickte, um in diesem hoffnungslosen Grau einen Anfang, oder ein Ende zu finden.
Ella saß und wartete, sah die Sonne im Meer untergehen und die Sterne erglühen – und sie wartete, dass die Sterne ihre Geschichten erzählten, aber die Sterne schwiegen.
Allein die Weite öffnete ihre Tore und als das Meer sich in der Nacht immer weiter zurück zog und im Mondlicht die Häufchen der Wattwürmer schimmerten, begann Ella durch`s Watt zu wandern,dem Meer entgegen, mit dem Blick dorthin, wo sich am Morgen der Horizont silbern auftat und Farbe verkündete.
Mi
09
Jun
2010
Meine Katze ist bei mir unten durch.
So was von unten durch, unten durcher geht gar nicht mehr.
Was hab ich ihr nicht alles im Lauf der Jahre großmütig verziehen.
Das sie mitten in der Nacht das ganze Haus auf den Kopf stellt, weil draußen ihr Freund vor lauter Verlassenheit das Dorf zusammen jault.
Das sie, wenn man sie nicht zackig genug herein lässt, einfach an den Fensterstreben hochklettert um dann kläglich miauend, dort oben zu hängen und mir deutlich macht, wie herzlos ich bin,
so ein armes Katzenwesen, draußen vor der Tür versauern zu lassen.
Das macht sie übrigens nur wenn`s regnet, das hochklettern an den Fensterstreben – sie denkt da nämlich an meinen Adrenalinspiegel und meine natürliche Aversion gegen das Fenster putzen.
Dieses Spielchen geht natürlich auch andersrum, wenn sie nach draußen will und ich nicht schnell genug als Türöffner diene, dann kratzt sie sämtliche Türen zusammen.
An manchen Tagen gewinne ich den Eindruck ich bin ein rotierender Türöffner.
Im drei Minutentakt,
Haustüre auf, Madame herein, Haustüre zu.
Terrassentüre auf, Madame heraus, Terrassentüre zu.
Terrassentüre auf, Madame herein, Terrassentüre zu.
Haustüre auf, Madame heraus, Haustüre zu.
Ohne große Übertreibung – so könnte ich jetzt locker die nächsten 10 Seiten füllen. Aber im Gegensatz zu manch einer Katze, tu ich keinem Menschen so eine Unendlichkeit an.
Ich hab ihr verziehen, dass sie immer, wirklich immer, wenn ich mein Nickerchen auf dem Sofa hielt (ich bin ja mittlerweile so ein oldsmobile, das solche Ruhepausen braucht) sie mit einem Satz
auf meiner Brust saß, nur um dann gelangweilt davon zu schlenzen und so zu tun, als ob ich gar nicht da wäre.
Nur den mitternächtlichen Angriff, als ich im Schlafsack unter freiem Sternenhimmel im Garten schlief, den hab ich ihr nie so ganz verziehen – da fehlte nicht viel und ich wäre fast einem
Herzschlag erlegen – als ob man so mit einem oldsmobil umgehen würde.
Ich hab ihr verziehen,
was ein jahrelanger Lernprozess war,
dass sie jeden Morgen- wenn ich die Augen noch nicht einmal richtig offen habe und ich mich hilflos tastend in der Küche bewege, um fast blind und gänzlich denkunfähig nach dem Ding
zu suchen, das sich Kaffemaschine nennt -
eine permanente Fußangel darstellt, die erst zum Gott erbarmen jämmerlich vor sich hinfiept, um dann,
im Angesicht des drohenden Hungertods, von jämmerlich in die empörte Tonlage zu schalten.
Bin ich dann zu oldsmobilmäßig und berühr Madam noch ausversehenerweise in dieser empörten Tonlage – was ja nicht ausbleibt, wenn eine Katze eine lebende Stolperfalle sein will
– dann faucht sie mich doch tatsächlich an.
Manchmal kommt da der Wunsch in mir hoch, so ein klitzekleines bisschen Katzenemanzipiert zu sein und ich fauch einfach zurück.
Dann guckt sie mich an, als wäre ich bekloppt.
Ich hab wortlos, um nicht zu sagen sprachlos, akzeptiert, das sie mir tote Mäuse vor die Türe legt und ich hab mir von einem netten Menschen erklären lassen, dass das ein Liebesbeweis erster
Kajüte ist.
Wie ich mir auch erklären ließ,
das Katzen, wenn sie mit den Augen blinzeln, lächeln.
Ab und an, also wenn ich nicht gerade schwer mit verzeihen beschäftigt bin, dann blinzel ich meine Katze an
und ab und an, wenn sie nicht gerade schwer damit beschäftigt ist, wie man ein oldsmobil in den frühen Herztod treiben kann, dann blinzelt sie zurück.
Unten durch ist sie aber trotzdem, wir hatten nämlich ein agreement
das da hieß, sie sorgt dafür das keine Mäuse ins Haus kommen, und ich übe mich im Verzeihen wie ein Weltmeister.
Alle normalen Katzen halten sich an dieses agreement, und was tut meine?
Exakt alment, sie bringt eine Maus ins Haus, lebend.
Schmeißt mir dieses kleine, braune Fellgewusel vor die Füße, schaut mich an und – blinzelt.
Tscha nu sitzt die Maus hinter dem Bücherschrank und ich davor, bewaffnet mit einem kleinen Eimer um sie vielleicht da hinein zu bugsieren, wenn sie sich denn einmal hervor traut.
Ab und an schaut meine Katze vorbei und setzt sich ganz still und aufmerksam neben mich.Wir fixieren dann beide den Bücherschrank mit Blicken und harren der Maus die da kommt, oder auch
nicht.
Weil ich ja keine Katze bin, fang ich an ganz leise vor mich hin zu fluchen. Vor allen Dingen darüber, dass das eigentlich ihr job wäre und dabei schau ich der Verzeihlichen sehr ernst,
sehr tief
UND
ohne zu blinzeln in die Augen.
Worauf sie, was macht?
Richtig, sie blinzelt. Blink, blink, blink – und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich vermuten, da liegt ein:
Du machst das schon ganz gut
darin.
Dann gähnt sie herzzerreißend tief, zeigt all ihre scharfen Beisserchen, räkelt sich lange und genüsslich und tappert gelangweilt von dannen.
Bei mir ist sie unten durch, aber wenn ich das so richtig überblicke
bleibt mir gar keine Wahl als mühsam eine Stufe weiter, in der Kunst des Verzeihens zu klettern.
Und heute Abend, wenn ich immer noch mit meinem Eimerchen vor dem Bücherschrank sitze, kommt sie garantiert wieder und schaut mich pikiert an, weil die Maus immer noch dahinter
sitzt.
Ich blinzel dann nur.
So
11
Apr
2010
In Himmelreich ging es beschaulich zu. Hier war nichts zu spüren von der Hektik ,die die restliche Welt erfasst hatte. Im Frühjahr kamen hier die Menschen wieder aus ihren Häusern. Frau Maier erzählte Frau Müller den neusten Klatsch.
Im Kurzwarenhandeln von Herrn Schneider nahmen sich die Menschen wieder ausgiebig Zeit, zum Palavern und Plauschen, weil keiner mehr den Heimweg in der Kälte fürchten musste.
Und mit dem Frühjahr tauchte auch wieder Fürchtegott auf, der wie jedes Jahr „seine“ Bank vor Herrn Schneiders Gemischtwarenhandel bezog und stumm die Menschen beobachtete,
Fürchtegott, sprach nie, weder grüßte er, noch ließ er sich auf irgendwelche Gespräche ein. Allenfalls bedachte Fürchtegott einen mit einem kurzen Blick, der gebot zu schweigen oder zu gehen – am Besten beides.
In früheren Zeiten, als Maria noch die Hauptschule von Himmelreich besuchte, hatte Fürchtegott noch seinen Hund dabei. Ein großer schwarzbrauner Mischlingshund, der wie sein Herr, jeden böse anfunkelte, der näher kommen wollte.
Einmal waren die Hänseleien der Schulkinder besonders arg ,da hatte Maria gedacht, sie müsse ihre Angst vor dem Hund überwinden und Fürchtegott sagen, das nicht alle Kinder so waren, und das sich Fürchtegott das nicht zu Herzen nehmen brauchte. Aber als sie Fürchtegott und der Bank so nahe war, das sie beide hätte berühren können, fletschte der Hund so grimmig die Zähne, das Maria sich kräftig erschrak und seither tat sie so , als ob sie Fürchtegott und seinen Hund nicht sah.
Irgendwann besuchte Maria das Gymnasium in der nächst größeren Stadt und Nachmittags kehrte sie mit dem Bus in das kleine beschauliche Himmelreich zurück, wo sie Fürchtegott „nie“ sah und immer einen großen Bogen um „seine Bank“ machte.
Eines Tages, saß Fürchtegott dort alleine auf der Bank. Statt seines großen Hundes, der ihm immer zu Füßen lag, hielt Fürchtegott nun einen Gehstock zwischen seinen Beinen, auf den er sich schwer mit seinen Händen stütze.
Marias Herz begann schneller zu schlagen und sie versicherte sich gedanklich zig mal, das ein Gehstock nicht beißen konnte, und das auch schmallippige, verächtlich blickende alte Menschen, ein Herz hatten, irgendwo.
So setzte sich Maria mit klopfendem Herzen, neben Fürchtegott auf die Bank, sehr erleichtert darüber , das Gehstöcke tatsächlich nicht bissen und begann einfach unbedarft vor sich hin zu plappern. Über die Großartigkeit des Wetters, Banalitäten aus der Schule, große Freuden, kleine Traurigkeiten, oder andersrum kleine Freuden und große Traurigkeiten.
Tag für Tag, machte das Maria so. Sie stieg aus dem Nachmittagsbus aus, und ging direkten Weges zu Fürchtegott und seiner Bank und erzählte ihm Teile ihrer kleinen Weltgeschichte, was Fürchtegott mit stoischer Gelassenheit und einem Blick der in weite Fernen schweifte über sich ergehen ließ.Maria hätte auch genauso gut alles einer Wand erzählen können.
Sie wollte aber Fürchtegott erzählen, und eines Tages erzählte sie Fürchtegott, dass sie einen ganz wundervollen Menschen kennengelernt hatte, den sie innen wie außen so schön fand
und es war Maria, als ob Fürchtegott die Luft anhielt.
Als Fürchtegott schwer und langsam wieder ausatmete, wandte er sein Gesicht Maria zu und klärte sie darüber auf, das er Josef hieß.
Das braucht dich nicht verlegen machen, Mädchen, keiner will das mehr wissen, das es einen Josef gab, für alle ist es besser nur den Fürchtegott zu sehen, und er schob ein leises „auch für mich“ hinterher.
Maria hatte es die Sprache verschlagen, darüber das Fürchtegott, bzw Josef reden konnte, und das sie all die Jahre einfach den Namen übernommen hatte, den andere Josef gegeben hatten.
Josef legte seine Hände um den Knauf seines Gehstocks und als er begann zu erzählen, hörte Maria eine Sanftheit in seiner Stimme, die so gar nicht zu dem verächtlichen und abweisendem Blick des alten Mannes passen wollte.
Ich werd wohl kaum älter gewesen sein als du Mädchen, vielleicht 18 Jahre als ich einen Menschen kannte, der innen und außen – wie du sagst – wunderschön war.
Freddy, mein Schulkamerad und Freund. Wir kannten uns seit Kindheitstagen und es gab wohl nichts, was wir uns nicht erzählt hätten – hatte ich geglaubt.
Bis ich eines Tages, Freddys Eltern waren nach Stuttgart verreist, einfach so bei Freddy reinplatzte und ihn in Frauenkleidern vorfand.
Es war ein Schock für mich, und ich wendete mich wortlos von ihm ab. Wischte fast 18Jahre Leben mit einem Handstreich weg und sagte meinen Eltern, wenn Freddy nach mir fragen sollte, dann sei ich nicht da.
Freddy musste es wohl öfters an der Haustüre versucht haben, und einmal sprach er mich auf der Straße an – hier , gegenüber von Schneiders Kurzwarenhandel- ich schlug ihm meine Faust ins Gesicht, sodass seine Nase brach und als ich dieses blutende Etwas sah, drehte ich mich verächtlich um, und ging meiner Wege.
Über seinen vermeintlichen „Betrug“ an mir, behielt ich trotzdem Schweigen. Freddy war zwar nicht mehr mein Freund, aber dem was man den Homosexuellen damals antat, oder Männern in Frauenkleidern, dem wollte ich ihn auch nicht aussetzen. Im Nachbardorf hatte man damals so einen Homo halb tot geschlagen.
Es kam, wie es kommen musste, eines Tages flog Freddys Geheimnis auf, als seine Mutter ihn in Frauenkleidern erwischte, darüber Mord und Zeter schrie und der Vater sich diesem Mord und Zeter lückenlos anschloss.
Das war Anfang der 50er Jahre gewesen, vielleicht hätte das auch alles ein gutes Ende nehmen können, wenn damals nicht von Amerika eine neue Mode geschwappt wäre, die den Menschen versprach, sie würde sie heilen, von Depressionen, Aggressionen , Homosexualität und anderem abnormen Verhalten.
L-o-b-o-t-o-m-i-e hieß das Zauberwort. Ein kurzer, einschneidender Eingriff ins Gehirn, und schon hätte man einen ganz normalen Menschen – in ca 70% aller Fälle. Die anderen 30% verschwieg man geflissentlich.
Freddy wollte damals nicht, das interessierte aber niemanden. Seine Eltern wollten einen normalen Sohn und nachdem Freddy noch nicht volljährig war, lag die Entscheidung allein bei ihnen.
Sie holten ihn an einem Donnerstag, und zwei Wochen später brachten sie ihn zurück.
Eigentlich wollte ich nicht wissen wie es ihm ging, aber irgendwann ging ich dann doch hinüber, klingelte, wie ich es früher so oft getan hatte und fragte ob ich Freddy besuchen könne.
Seine Mutter führte mich nach oben zu Freddys Zimmer und dort lag er.
Mit starren Augen die gen Decke blickten, der Speichel troff ihm aus dem rechten Mundwinkel und sein rechter Arm bewegte sich in wilden Zuckungen.
Sein letzter Brief an mich, kam mir in Erinnerung, in dem er mich fast anflehte ihm zu glauben, das er immer der Mensch sein würde, den ich kannte, das Frauenkleider daran nichts änderten.
Immer bin ich Mensch Josef, ein Mensch mit Gefühlen, mit Freude und Schmerz nicht weniger als jeder andere Mensch auch.Nimm mir nicht deine Freundschaft Josef, ich bitte dich.
Diese Worte hallten in meinem Kopf wieder, als ich auf diese Gestalt in dem Bett vor mir blickte. Es war so schwer vorstellbar, das darin irgendwo noch Freddy sein sollte, und das erstemal erfüllte sich mein Herz voller Scham, das ich einem Menschen der innen und außen so schön war, meine Freundschaft entzogen hatte, weil ich einen „normalen“ Freund wollte.
„lamije“ unter größter Anstrengung brachte Freddy die Silben hervor, er lallte wie ein schwer Betrunkener, wieder und immer wieder, lamije, während er an die Decke stierte und aus seinem Mundwinkel die Spucke rann.
Lamije, lamije, ich wiederholte das Wort, in der Hoffnung darin einen Sinn zu erkennen, der sich mir aber nicht erschloss. Dann als ich mich zum gehen wandte , stand es aufeinmal klar vor meinem Auge.
Lass mich gehen? Ich sah Freddy fragend an. Lass mich gehen? Und Freddy schloss sekundenlang beide Augenlider.
Ja Maria, so war das damals, vor langer, langer Zeit- einmal noch besuchte ich Freddy und ließ ihn gehen, mit einem blütenweißen, gestärktem Kissen
Keiner fragte nach, niemand wollte etwas wissen und aus Josef wurde Fürchtegott, der ein halbes Leben lang auf den richtigen Zeitpunkt wartete und angefüllt ist mit Furcht und Scham.
Josef sah Maria aus seinen wäßrigen, blassblauen Augen an, dann erhob er sich mit einem leisem Danke und ging mit staksigen Schritten gen Heimat.
Danach blieb die Bank vor Schneiders Kurzwarenhandel immer leer.
Mo
08
Mär
2010
Früher war das so, wenn meine Großmutter von mir, dem jungen Ding eine Verschnaufpause brauchte, dann drückte sie mir eine Milchkanne in die Hand, mit dem Order damit in den Wald zu verschwinden und erst wieder nach Hause zu kommen wenn sie voll wäre mit Blaubeeren.
Ich hasste das, dieses Blaubeer pflücken und fand es schlichtweg frustrierend, zu sehen wie eine handvoll mühvoll, gepflückter Beeren, sachte in die Kanne pollerten und nicht einmal den Boden bedeckten.
Manchmal, holte ich mir dann Birger dazu. Birger, der Pirat mit den strohblonden, schulterlangen Haaren, eisblauen Augen und einem schiefem Grinsen im Gesicht.
Birger war der, mit dem man auf dem Bett rumhüpfen konnte, mit dem man Kissen schmiss und dem man erzählte wie doff doch die ehemals beste Freundin war, weil sie einem einfach die große Liebe vor der Nase weg geschnappt hat.
Mit Birger saß ich in unserem Baumlager und wir pafften nach und nach alle Zigaretten einer Schachtel Marlboro die irgendwer draußen auf dem Bürgersteig verloren hatte.
Als meine Großmutter ob der Rauchwolken über dem Lager überlegte ob sie die Feuerwehr oder doch nur die Enkelin rufen sollte, entschied sie sich für letzteres und siehe da, der Rauch verflog.
Wir kassierten einen Jahrhundertanschiss an dem hinten dran der Befehl hing: und lasst euch ja nicht einfallen, das euch schlecht wird..........
Mit Birger fuhr ich als Sozia auf dem Moped und im Winter in einem Affenzahn mit dem Schlitten den Berg runter – über eine Schanze die da gar nicht hätte sein dürfen, um dann festzustellen, das ein freischwebender Schlitten mit zwei Pappnasen, wie ein Stein senkrecht nach unten fällt. Schlitten und zwei Arme waren gebrochen und es war wieder so ein Jahrhundertanschiss fällig......nur das mit dem „schlecht werden“ fiel diesesmal weg.
Eben mit diesem Birger, zog ich los, bewaffnet mit Milchkanne und jeder Menge Geschichten. Birger erzählte mir dann solche Geschichten wie die vom Kappesweiher ,wie er dort mit nur einer Angelschnur und Haken innerhalb von 10 Minuten 8 Forellen rausgeholt hatte und das nur weil die Viecher so angefüttert waren, dass sie alles was ins Wasser fiel, für Futter hielten – sogar blanke Haken.
Blöderweise kam genau zu dieser Zeit der Kappes vorbei, meinte Birger und grinste mich schief an, aber was meinst du wie ich die Beine in die Hand genommen habe und was meinst du , was mir der Kappes alles hinterher gerufen hat.
So liefen wir erzählend und kichernd entlang der goldenen Weizenfelder, Richtung Wald. Der Himmel zeigte sich im schönsten Blau und alles war umlagert vom Zirpen der Grillen.
Im Wald empfing uns eine angenehme Kühle , zwischen den Tannen bahnte sich die Sonne ihren Weg und es war als beträte man eine andere Welt in der die Zeit still stand.
Birger konnte das Beeren zupfen so wenig haben wie ich,weshalb er durch den Tann entschwand um Pilze zu suchen, möglicherweisme wendete er sich auch wieder Kappes Weiher zu.
Ich saß da, in einem lichten Feld, zupfte in der Hocke die gehassten Blaubeeren, ließ mich von der Monotonie tragen und atmete mit jedem Pollern das in der Kanne klang ein Stück weit mehr auf und sehnte das Ende herbei.
Meine rechte Hand, zupfte in den kleinen grünen Büschen, dunkle blaue Beeren.
Und ich fluchte, auf blaue Beeren, Schnaken und Gott und die Welt, während meine rechte Hand weiter in dem kleinen Busch Blaues zupft. Irgendwann kam Birger von seinem Streifzug zurück und half mir beim Beeren pflücken.
Als die Milchkanne fast voll war, berührten sich im grünen Busch zwei Hände.
Zufällig, unachtsam gestreift, wie ein Bus.
Über dem kleinen Busch trafen sich zwei Blicke und wir „sahen“ uns zum Ersten mal.
Im grünen Busch, verharrten zwei Hände in einer sachten Berührung die die Wärme des anderen in Wellen in`s eigene Herz pumpte.
In der Ferne rief ein Kuckuck seinen Namen und ich wusste in diesem Moment , das wir uralt werden, das wir blaue Perlen pollern lassen können, ohne eine Milchkanne zu brauchen.
Birger zupfte mir eine Tannennadel aus dem Haar und versucht ein Lächeln, das aber wieder zu einem schiefem Grinsen geriet und nachdem wir die Kanne zur Gänze mit Blaubeeren gefüllt hatten, fragte ich mich, ob ich mir das nicht alles eingebildet hatte
Im Wald herrschte Stille die nur durch das Brechen der kleinen Zweige unter unseren Füßen gestört wurde, als wir uns auf den Heimweg machten.
Wortlos gingen wir auf dem Kiesweg zurück auf dem wir hergekommen waren und ich war mir sicher, dass ich mir diesen Moment der blauen Perlen nur eingebildet hatte-
als sich Birgers Hand warm und vertraut in meine Hand schob.
Da war es wieder da, alles, und für eine Weile standen wir nur auf diesem Weg, sahen uns an und irgendwo pollerten wieder blaue Perlen in die Universumsmilchkanne.
Als meine Großmutter uns so sah, gab es keinen Jahrhundertanschiss – wieso auch, die Kanne war voll – sie sah nur Birger und mich ziemlich streng an und meinte: Wehe dir wird schlecht.
So
14
Feb
2010
Seit 10Jahren war ich nicht mehr in Heidelberg gewesen
und nun musste ich wieder dorthin. In die Uni für 3 Wochen.
Die Uni ist wie eine kleine Stadt, und in den 10Jahren ist diese kleine Stadt beträchtlich gewachsen.
Der botanische Garten liegt zeitlos im Kern dieser kleinen Stadt -genau gegenüber der inneren Medizin, dort, wo ich jetzt bin.
Vor 10 Jahren hab ich dort meinen Sohn im Rollstuhl geschoben, durch den botanischen Garten und wir sammelten alles was ging an Früchten und Samen
Am anderen Ende des Gartens steht ein Hochhaus, das Kinderkrankenhaus und darin im 7Stock, die H7- die Kinderkrebsstation.
Mittlerweile macht es einen verwaisten Eindruck und es trifft mich tief im Herzen, vor diesem Haus zu stehen, es so leer zu sehen und über all dieses Leid zu wissen das sich dort einmal fand.
Mein Magen klumpt sich zusammen, Tränen steigen in meine Augen
und ich schleiche wie ein Dieb leise der Vergangenheit nach.
Die Hallen , dort wo einstmal die Ambulanz war, sind leer und nichts lässt darauf schließen, das hier einmal Kinder auf dem Schoß ihrer Mütter saßen – quengelnd , lachend, ruhig oder ungeduldig.
Wer hoch zur H7 wollte, musste erst durch die Ambulanz.
Ich steh vor dem Fahrstuhl und es ist mehr ein Reflex denn ein Wollen , das ich die Taste drücke und warte das der Fahrstuhl kommt.
Wie oft sind wir damit rauf und runter gefahren, hinein in Zuversicht, in wortlose Schrecken, in ungesagte Ängste und riesengroße Hoffnungen.
Der Fahrstuhl kommt, die Türen öffnen sich – und ich seh nur einen kleinen Jungen, so furchtbar blass und mager, ohne Wimpern und Augenbrauen, unter einer Baseballkappe in einer viel zu großen Jacke im Rollstuhl.
Er lacht mich an, mit Grübchen in den Wangen.
„nun komm schon, sei nicht feige..........komm“
und ich steige ein, wisch mir die Tränen weg, drück auf die 7.
Die Türen öffnen sich wieder und geben den Blick frei auf das „Spielzimmer“ im Zentrum der H7.
Davor steht noch immer der große breite Tisch, an dem wir Mütter zusammen saßen, die Angst weg redeten, die Zuversicht herbei redeten, der Tisch an dem wir uns Kraft gaben und an dem wir weinten wenn die Zuversicht zusammen brach und der Tod so bedingungslos im Raum stand.
Zwei Türen weiter, das Zimmer in dem ein Arzt sein ganzes Mitgefühl beschnitten hat, und mir erklärte, das es keinen Sinn macht drum rum zu reden, mein Sohn wird sterben.
Arschloch – flüster ich vor mich hin.
Ich seh Anna wieder.
Anna die Indianerin, diese kleine Person die so immens groß ist.
Lange schwarze Haare, gefasst zu einem Pferdeschwanz, ein markantes Gesicht mit stechend Blauen Augen darin.
Sie sieht mir ins Herz, wie ich ihr ins Herz sehe, dieser Indianerin.
Das Schicksal hatte uns zusammengeführt,
eine zeitlang gaben wir uns gegenseitig Kraft, bis zu dem Moment, in dem klar war, das kein Arzt, kein Mensch, nichts und niemand ihrem Sohn helfen konnte.
Dorian,
Dorian starb in dem Zimmer am Ende des Ganges. Er flehte seine Mutter an,
Mutter lass mich gehen, lass mich sterben. Ein Junge von 6 Jahren, quittengelb aufgedunsen, zerfressen vom Schmerz.
Was hätte ich sagen sollen, als mich seine Mutter, die Indianerin fragte
worin liegt da der Sinn? Warum, das alles?
Dorian starb leise und seine Mutter starb lautlos mit.
Von der Indianerin ist nichts mehr da,
ab und an telefonieren wir, und ihre Stimme ist so zerbrechlich, sie hat die Freude verabschiedet
und stirbt Jahr für Jahr ein wenig mehr.
Es ist mir genug an Erinnerung, und ich geh zurück zum Fahrstuhl , lass mich ins Erdgeschoss tragen, trete hinaus in den Winterhimmel und atme tief durch.
Ein andernmal
komm ich wieder, für den Rest.
Sa
09
Jan
2010
Nun war es so weit
die Lebensmittelvorräte neigten sich dem Ende zu und einer von ihnen beiden musste sich hinaus wagen in die Widrigkeiten des Winters um dafür zu sorgen, das sie wieder etwas zu Essen im Hause hatten.
Hannes fiel aus, weil seine Erkältung eher eine Grippe war – sagte Hannes,
also blieb nur Ella über, die sich zwiebelmäßig einkleidete
zwei Paar Leggins unter der regulären Hose, zwei Sweater und einen Pullover, drüber eine dicke Jacke, über den zwei Paar Socken feste Stiefel , auf dem Haupt eine Filzmütze mit Ohrenklappen und natürlich dicke Handschuhe.
Wenn`s um das schiere Überleben ging, ließ Frau auch mal die Eitelkeit sausen und als Ella daran ging sich dem kalten Wind und den Minustemperaturen zu stellen, verabschiedete sie sich mit den Worten:
Egal was passiert Hannes, ich komme zurück ,dann werden wir wieder etwas zu essen haben, ich lass dich nicht im Stich.
Dann zog sie die Tür hinter sich zu und begann den Weg von der Einöde zurück in die Zivilisation. Der Wind blies ihr eisig ins Gesicht, sodass Ella automatisch den Kopf einzog um dem Wind weniger Angriffsfläche zu bieten.
Ella fluchte ein bisschen vor sich hin, dass sie viel lieber vor dem Kachelofen sitzen würde, dass Winter sowieso mistig ist, dass sie gar nicht taugt als Lebensretterin und das das Leben überhaupt ziemlich hart und unfair war.
Die ersten Schritte waren immer hart und der Fichtenwald der rechter hand von ihr Spalier stand, schien ihr in seiner innewohnenden Düsternis zuzustimmen.
Stoisch setzte Ella einen Fuß vor den anderen, ließ den Fichtenwald und die Anhöhe hinter sich zurück und fand sich bald darauf im Auwaldtal wieder.
Dort blies der Wind nicht mehr ganz so kräftig und Ella konnte den Blick über das Tal gleiten lassen, ohne das der Wind ihr ins Gesicht biss.
Wie eine dunkle Schlange schlängelte sich die Auer durch das schneeweiße Tal, gerahmt von Weiden und kahlem Gestrüpp. An ihrem Ufer wuchsen Eiszapfen, die teilweise ins Wasser hineinragten und kleine Inselchen bildeten, um die der Fluss vergnüglich herum glugste und kleine Verwirbelungen entstehen ließ.
Der Weg der sich neben der Auer durch das Tal schlängelte, war durch den vielen Schnee verborgen, wie die Felder und Äcker verborgen lagen unter einer Schneedecke ,durch die der Wind, den Schnee nach seiner Facon trieb ,Schneeverwehungen anhäufte und so der ganzen Landschaft ein neues Gesicht verlieh.
Jungfräulich und unberührt lag das Land vor Ella, und es war fast so als stünde über allem:
Erobere mich, entdecke mich, sieh was ich zu geben habe,
während du eintrittst, durch mich ziehst , als der erste Mensch in einem unentdecktem Land, dort wo es noch niemanden hin verschlagen hat, dort wo noch niemand seine Spuren hinterlassen hat.
Ella beschloss über diesen Anblick, erst gar nicht nach dem Weg suchen zu wollen, sondern stapfte gleich querfeldein, über die verwehten Äcker.
Immer wieder versank sie knietief im Schnee und immer wieder kämpfte sie sich daraus hervor – fluchte wieder ein bisschen vor sich hin, weshalb man sich so einen Schmäh überhaupt antat und fand die Welt in seiner Jungfräulichkeit nur noch anstrengend.
Nachdem sie auf diese kraftfordernde Art dem Flusslauf gut 3km abwärts gefolgt war, kam sie zu einer Furt über die die Menschen schon vor Jahrzehnten eine Art Brückenweg gebaut hatten. Dem Fluss fehlten nur noch ein paar Zentimeter und dann würde man bestenfalls nur noch ahnen können das sich hier einmal ein Überweg befunden hatte.
Sie würde sich sputen müssen, wenn sie auf dem Rückweg wieder diese Furt nutzen wollte.
Als sie in der Mitte des Flussübergangs angekommen war, hielt sie in dem leise vor sich hin gurgelndem Fluss nach Neptun Ausschau.
Nachdem der sich nicht blicken ließ, stellte sie ihre Bitte einfach so in die Welt:
der werte Herr Neptun möge doch bitte so nett sein, und die Furt frei halten bis sie wieder von den Händlern zurück war – dann müsste ein gewisser Hannes nicht elendiglich den Hungertod sterben und Ella würde Neptun auch etwas Kleines mitbringen.
Götter liebten Überraschungen, dass wusste Ella und so nahm sie es als gutes Omen, als sich hinter der Furt der Weg wieder fand und sie die letzten Kilometer ihres Weges in leichter Gangart und ohne große Anstrengungen bewältigen konnte.
In der Zivilisation klapperte Ella sämtliche Händler ab, füllte den Rucksack nach und nach mit all den Dingen die man zum Überleben brauchte, bekam von einem der Händler einen scheelen Blick, ob ihrer Bemerkung das sie die Goldstücke zu Hause gelassen hatte und leider nur mit diesem Plastikgeld zahlen könne.Wahrscheinlich war der Händler noch nie in einer jungfräulichen Welt unterwegs gewesen – aber , was solls, das musste ja nicht Ellas Problem sein.
Zum Schluss kaufte sie noch ein kleines Fläschchen kleiner Feigling( Hannes sagte dazu immer Weibergesöff, und Ella hoffte schwer, dass Götter das anders sahen), das sie in ihre Jackentasche steckte und begann dann, den Rückweg anzutreten.
Ellas Wangen glühten, als sie glücklich wieder in der Mitte – Neptun sei Dank – der Furt stand und das „Kleine“ Mitgebrachte in den Fluss plätschern ließ, in der Hoffnung, dass sich Neptun nicht am Namen störte.
Dann setzte sie ihren Heimweg fort,und als sie die Anhöhe mit dem Fichtenwald erreichte, blickte sie noch einmal zurück, sah die Auer unter sich durch das Tal schlängeln und war von einer stillen Freude angefüllt.
Zu Hause angekommen, öffnete ihr Hannes die Tür, und meinte nur, das sie ja auch mal ganz normal einkaufen gehen könnte – mit Auto und so
jo, meinte Ella, das könnte ich...............
Fr
04
Dez
2009
Es geht immer um die Suche nach Liebe, um vielleicht ein wenig von der ihr inne wohnenden Geborgenheit zu erhaschen, um lang vergessenen Erinnerungen Leben einzuhauchen, um sich tragen zu lassen
von dem Gefühl der Wärme , das die Seele schnurren lässt wie eine Katze vor der Behaglichkeit eines warmen Bollerofens.
Es ist so simple, so simple anzuschauen, zu fühlen, wie es den Menschen zieht, zur Geborgenheit, hin zur Liebe, zu dem Gefühl des Umfangen und angekommen seins.
Da lebt ein Sehnen in eines jeden Menschen Brust, und in all dieser Einfachheit, sitzt der Schrecken über das, was wir einmal verloren haben, den kindlich, unschuldigen Glauben an die Liebe,vor
langer, langer Zeit;
Seit Tagen schon war Anna nicht wieder zu erkennen. Nichts konnte Matida ihr mehr recht machen, und wenn Matida sich überhaupt noch wagte, etwas zu sagen, dann bekam sie bestenfalls gemurmelte
Unmutsäußerungen, aber meist handelte sie sich scharfe Zurechtweisungen ein, die Matidas Augen mit Tränen und ihren Geist mit Unverständnis füllte.
„Bist du nun nicht mehr mein Engel“? Die Zerbrechlichkeit in Matidas Stimme,hallte dünn durch das weiß gefließte Bad, in dem Anna vor dem Spiegel stand, ihre Haare straff und hart, nach hinten
bürstete.
Als alle Haare gebändigt waren, fasste sie sie mit einem Haargummi zu einem Pferdeschwanz zusammen, verschränkte ihre Arme vor der Brust, und drehte sich zu Matida um
„Ich war nie ein Engel und du, du solltest endlich lernen erwachsen zu werden. 35 Jahre alt, und erzählt immer noch was von Engeln – Engel gibt es nicht, schreib dir das hinter die Ohren.“
Matidas Unterlippe begann zu zittern und in ihren blaßblauen Augen schwamm ein Ozean. Eine einzelne Träne löste sich , und suchte sich einsam ihren Weg über die Wange .
„Aber du bist doch mein Engel und ich geh doch nachher nach Hause, weshalb bist du mir böse?“
Die Tränen rannen Matida über`s Gesicht und immer wieder wischte sie mit ihrem Hemdärmel über ihre Wange.
Anna rauschte wortlos an ihr vorbei, verließ das Bad und setzte sich in ihrem gemeinsamen Zimmer auf`s Bett.
Im Januar waren die zwei Frauen fast zeitgleich in der Klinik eingetroffen. Anna eine kleine Ecke früher als Matida, was Anna einen gewissen Heimvorteil gab, den sie auch weidlich ausnutzte als
Matida, in ihrer kindlichen Naivität eine Woche später in Annas Zimmer stand.
Die Krankenschwester machte sie beide miteinander bekannt, und als die Krankenschwester das Zimmer verlassen hatte, verschränkte Anna die Arme vor der Brust und klärte Matida mit harscher Stimme
und harschem Blick, darüber auf, wie das hier in diesem, ihrem Zimmer funktionierte.
„Dir gehört hier von allem die Hälfte, von den Regalen, Schränken und Ablagemöglichkeiten und nicht ein bisschen mehr.
Das rechte Bett ist meins, und das linke deins. Um 22h ist hier spätestens das Licht aus, und ich hasse Unordentlichkeit.“
Anna sah Matida überheblich an, und merkte noch an, das das wohl alles sei.
„Ach ja“, fiel Anna dann doch noch ein,“ deine Koffer kannst du ganz oben im Wandschrank verstauen“.
Matida sah Anna mit großen Augen an,“ bist du mir böse?“ fragte sie mit einer Stimme die wie ein Hauch im Wind war.
Anna sah Matida über diese Frage und die dünne Stimme perplex an, zwirbelte ihr rechtes Ohrläppchen, sah verlegen auf den Boden als gäbe es im grünen Linoleum etwas spannendes zu entdecken.
„Nein ich bin dir nicht böse“, Anna löste den Blick wieder vom Boden, und sah immer noch verblüfft, wieder Matida an.“ Nein ich bin dir nicht böse, ich mag nur gerne die Dinge geklärt haben, aber
vielleicht war ich ja ein wenig zu harsch zu dir.“
„Oooh, das ist schön,“ Matida seufzte erleichtert auf, tat einen großen Schritt auf Anna zu und umarmte die völlig überraschte Anna mit einer Innigkeit die Anna so bislang noch nicht
kannte.
„Ich finde das so schön“, sagte Matida wieder,“ das du mir nicht böse bist und das wir jetzt Freundinnen sind“. Matidas Augen strahlten vor Glück, und Anna suchte wieder verlegen das grüne
Linoleum ab.
Das lag fast ein dreiviertel Jahr zurück, als sich zwei fremde Frauen gegenüberstanden, und die Innigkeit der einen, die andere so rigoros entwaffnete.
Abends, wenn die Nachtschwester da gewesen war, wurde es zu einem Ritual das Anna, Matida eine Geschichte erzählte. Matida lag dann in ihrem Bett schaute gespannt zu Anna hinüber und manchmal ,
wenn eine Geschichte furchtbar schön, oder furchtbar spannend war, dann röteten sich Matidas Wangen vor lauter Aufregung, und manchmal, wenn sie etwas nicht verstanden hatte, dann fragte Matida
mit ihrer zerbrechlichen, dünnen Stimme bei Anna nach, ob sie ihr das erklären könne.
Und Anna erklärte, ab und an mit hochgezogenen Augenbrauen, aber sie erklärte Matida alles. Die Geschichten, das Leben, und auch weshalb sie wieder essen und das erklärte Zielgewicht von 47kg
erreichen müsse.
„Weil Matida,“ und Annas stimme bekam etwas strenges, „ kein Mensch mit 36kg überleben kann,“ und dann schnitt Anna für Matida ihre drei Scheiben Abendbrot in quadratische Scheiben, und bestrich
jedes Quadrat ganz dick mit Frischkäse und setzte auf jedes dieser Quadrate obenauf eine Scheibe Banane.
Matida lächelte dann ihr glückliches Lächeln und sagte nur: „ gell, du bist mein Engel
und du musst auch essen, weil Engel auch nicht mit 35kg leben können.“
Also aß Anna wieder und Anna fand ihr Lachen wieder.
Manchmal saßen sie in der Nacht mit angezogenen Beinen auf der Fensterbank, schauten auf die Lichter der entfernten Stadt und überlegten was die Menschen dort bei den Lichtern wohl gerade alles
machten.
Oder sie schimpften über die Ärzte, die mal wieder gar nichts verstanden, oder manchmal tatsächlich zu viel verstanden
und oft träumten sie, wie es sein wird, wieder „normal“ zu sein.
Matida würde zu ihren Eltern zurückkehren, alles Böse in der Welt würde ausgerottet sein, und ein zerbrechliches Stimmchen würde erstarken.
Anna würde nach Hause zurückkehren, und das Allein sein, würde sie nicht mehr ängstigen und dann bräuchte sie auch nicht mehr perfekt sein.
Jetzt, würde Matida gehen. Ihre Eltern würden sie nachher abholen, würden sich mit Matida freuen das sie ihr Zielgewicht erreicht hatte und halten konnte,
während Anna allein hier zurück blieb und immer noch um fehlende 4 kg rang.
Es war ein zaghaftes, leises Tschüss das Matida, Anna gab,
und an das sie die Frage , „Gell, du bist doch mein Engel ?“ anschloss
Als Anna darauf nicht antwortete, Matida noch nicht einmal ansah, ging Matida mit tränenfeuchten Augen mit ihren Eltern und hinter ihr, fiel sacht die Zimmertür in`s Schloss.
Gell, du bist mein Engel?
Die Frage hing in ihrer ganzen Zerbrechlichkeit über Anna,
drang in sie ein, holte die Erinnerung an die gemeinsamen Stunden wieder,
an das Lachen, an die Tränen, an die Zeit die sie mit Matida haben durfte.
Sie lächelte über die Erinnerung und eine Träne kullerte die Wange entlang.
Dann sprang sie vom Bett auf, rannte zur Zimmertür,
und schrie durch den ganzen Stationsflur, an dessen Ende noch Matida zu sehen war
Logisch bin ich dein Engel – wie du mein Engel bist.
Und Matida strahlte.
Do
29
Okt
2009
Es war ein weites Feld , der Bauer hatte seine Frucht schon abgeerntet und in allem lag der Herbst in der Luft.
Sie saß dort mit gekreuzten Beinen auf dem Boden, unter einer alten Eiche, und beobachtete mit Aargusaugen den Strohhalm der etwa einen halben Meter vor ihr, für zehn Zentimeter aus dem Boden ragte.
Was war es für ein Aufwand gewesen, so weit zu kommen. Nun saß sie hier, und ließ sich von der Macht in ihren Bannkreis ziehen. Herr über Leben und Tod
du darfst leben,
und du nicht
du musst leiden
und du nicht
was für ein Faszinosum, und sie fühlte sich zurückversetzt in die Zeit, als sie den Fliegen die Flügel ausriss nur um zu sehen, was sie dann machten, die Fliegen.
Er war eines dieser Dates gewesen, wo man sich in smalltalk übte, man an einer tour auf die Uhr sah und überlegte ob nun genug Zeit verstrichen war, um sich ohne schlechtes Gewissen verabschieden zu können.
Eineinhalb Stunden waren ihres Erachtens genug, und so teilte sie ihrem Gegenüber mit, das sie morgen früh raus müsse, und nun gehen würde.
Sie klackerte durch die nächtlich erleuchtete Stadt, zahlte im Parkhaus am Automaten ihre Parkgebühren und klackerte weiter, in Richtung auf ihr Auto zu.
Sie verwünschte sich, das sie keinen dieser Frauenparkplätze in Anspruch genommen hatte, und das Beklemmende das so ein nächtliches Parkhaus ausdünstete,sich in ihre Poren legte. Sie spürte die Angst die in ihr hoch kroch, und sie bemühte sich ihre Ratio hervorzuholen, die ihre Angst beschwichtigten sollte.
Der Schlag traf sie unvermittelt von hinten und riss sie auf die Knie.
Drecksstück, hast du wirklich geglaubt du kommst so davon? Erst mir das Maul wässrig machen, und dann sich verdrücken.
Eine Hand packte sie am Kragen, zerrte, sie wieder auf die Beine und knallte sie bäuchlings auf die Motorhaube eines Pkws
Mit einer Hand hielt er ihre Hände auf dem Rücken, mit der anderen stülpte er ihren Rock nach oben, zog ihren slip nach unten und machte sich an seinem Reißverschluss zu schaffen.
So willst du das doch, du Fotze
Als er gekommen war ,lag sie ganz ruhig auf der Motorhaube, hörte wie er sich den Reißverschluss zuzog und spürte wie sein Samen an ihren Schenkeln entlanglief
Ein letztesmal schleuderte er ihr das Wort Fotze entgegen und als sie ihn weggehen hörte , sackte sie langsam in sich zusammen und rutschte von der Motorhaube.
Zwei Jahre später klingelte sie an seiner Haustüre.
Die Überraschung in seinen Augen wich schnell einer süffisanten Überheblichkeit
Na Baby , Sehnsucht nach meinem Schwanz, brauchst es wohl mal wieder richtig.
Ja, sagte sie – ich brauch es richtig
und es lief wie nach Drehbuch. Er bat sie herein, holte was zu trinken und sie kippte ihm die K.o tropfen in sein Glas.
Was dann folgte war die unsichere Variable in ihrem Plan. Den bewusstlosen Mann in ihren Kombi zu schaffen. Sie bekam es hin, ohne das dabei jemand ihren Weg kreuzte und hätte jemand ihren Weg gekreuzt, dann hätte sie es als Gottesurteil gewertet, irgendwas von einem Mann erzählt der sich im Komasaufen versucht hatte und ihn dann irgendwo in der Pampa rausgelassen.
Es kam aber niemand, so dass der Mann jetzt ohne Bewusstsein in ihrem Kombi lag.
Sie umwickelte seine Beine mehrfach mit Tape, drehte ihn zur Seite, kreuzte seine Arme auf den Rücken um dann dort die Hände zu fixieren.
Zum Schluss verklebte sie ihm noch dick den Mund mit tape und versah das Tape zwischen den Lippen mit einem Schlitz den sie mit einem Teppichmesser schnitt.
Als er zwei Stunden später wieder zu sich kam, lag er schon im Loch unter der Eiche, das sie einen Tag zuvor ausgehoben hatte, und aus seinem Blick war jede Überheblichkeit gewichen.
Sie schob ihm einen langen Strohhalm zwischen die getapten Lippen , und wies ihn darauf hin, das es besser wäre sich aufs atmen zu konzentrieren, statt auf`s Schreien und sah wie die Angst in seinen Augen einem lautlosem Entsetzen Platz machte, dann begann sie das Loch unter der Eiche, Schaufel für Schaufel zu zu schütten.
Es war ein faszinierender Gedanke, einen Finger auf den Strohhalm zu legen und unter ihr würde jemand sterben. Wenn er könnte würde er sich wahrscheinlich die Lunge aus dem Hals brüllen, und sich winden wie ein Wurm in seinem feuchten Grab, und wenn sie könnte, dann würde sie ihn fragen: spürst du das? Diese unsägliche kalte Angst, spürst du das?
Sie war sich sicher, jetzt spürte er das und sie konnte sich nicht entscheiden, ihn nach den zwei Stunden, die sie sich gesetzt hatte, aus seinem Loch zu erlösen.
Vielleicht sollte sie das einfach Gott überlassen, die Entscheidung über Leben und Tod, Fotzen wollen das doch so.
Sa
17
Okt
2009
Im Sommer war das Leben leichter.
Eine Erkenntnis , die Herr Abendschein in potenzierter Form verinnerlichte in diesem ersten Winter, den er auf dem Campingplatz verbrachte. Als die Kälte durch jede Ritze des Wohnwagens drang und
die Kosten für Gas in astronomische Höhen schraubte .
Herr Abendschein stand in diesem ersten Winter, wie auch in den folgenden, in seinem Wohnwagen, bemühte sich , die ärgsten undichten Stellen an den Wänden abzudichten und erlaubte sich den Luxus
von zwölf Grad in seinem Wohnwagen. Was ein unerhörtes Loch in seine finanziellen Möglichkeiten riss und dem Versuch glich , im Winter den Garten zu heizen.
Einmal hatte er einen Heizungszuschuss beantragt, der abgelehnt wurde, weil ein Campingplatz nicht als Wohnsitz zählt. Außerdem wurde er darüber aufgeklärt, dass es nicht zulässig wäre, auf einem
Campingplatz dauerhaft zu leben.
Also schwieg Herr Abendschein und kämpfte sich allein durch die kalte und dunkle Tristesse im winterlichem Deutschland.
Herr Abendschein war 58Jahre alt und hatte seit seinem 16. Lebensjahr gearbeitet , um sich ein wenig Leben neben der Arbeit leisten zu können.
Vor drei Jahren, als das wenige Leben , dass er neben der Arbeit hatte, zur Gänze der Lohnschacherei zum Opfer fiel, entschied sich Herr Abendschein , sein Leben im örtlichen Campingplatz
einzurichten.
Die 95 Euro Standmiete , die er monatlich zahlte, erlaubten ihm auch mit einem 6 Euro Stundenlohn wieder ein kleines bisschen Luxus in seinem Leben .
Im Sommer war das schön.
Herr Abendschein saß an den Sonntagen oft vor seinem Wohnwagen, ließ den Blick über „seinen“ See schweifen und bedauerte, dass seine Freundin gegangen war – im ersten Winter vor drei
Jahren.
Wenn sich der Sommer dann langsam verabschiedete, die Sommerbäume ihre Blätter verloren , sein See nackt und kahl vor Herrn Abendscheins Haustüre lag und die Kälte mit langen dürren Fingern nach
allem griff worin die Wärme wohnte, dann fröstelte Herrn Abendschein. Ein Frösteln , das sich auch nicht durch drei Lagen Kleider verhindern ließ.
Das Wichtigste ist, dass man Arbeit hat. Das sagte Herr Abendschein oft. Wie ein kleines Mantra – das Wichtigste ist, dass man Arbeit hat
Der Grund, morgens um 3.30 aufzustehen, die 200m über den Campingplatz zur Dusche zu laufen und danach wieder retour, um dann in den 5-Uhr-Bus zu steigen, der ihn drei Stunden später in einer
anderen Stadt vor den Toren einer Fabrik wieder aussteigen ließ.
Abends fuhr Herr Abendschein die drei Stunden wieder zurück in sein restliches Leben und um 20h stand er wieder vor den Toren des Campingplatzes, ging die paar Meter zu seinem Wohnwagen, vorbei
an der Kneipe „Mondsee“ , in der Abend für Abend die immer Gleichen saßen und ihre Heimatlosigkeit im Alkohol ertränkten.
Vor drei Jahren, also im ersten Winter, als Herr Abendschein noch eine Freundin hatte, da saßen sie oft gemeinsam auf „ihrer Bänke“ im Wohnwagen, schauten Händchen haltend irgendwelche TV-Shows
im Fernsehen oder lösten Kreuzworträtsel im trüben Licht einer Niedrigwatt-Funzel . Manchmal liebten sie sich, dass selbst der zugige Wohnwagen angefüllt war von Wärme und dem Geruch ihrer
Körperlichkeit.
Irgendwann hatte sie gesagt: Ich kann das nicht mehr.
Hatte ihre Sachen , Grünpflanzen und , wie es Herrn Abendschein schien, auch die noch vorhandene Behaglichkeit gepackt , und war gegangen.
Das Wichtigste ist, das man Arbeit hat, wieder und wieder sagte das Herr Abendschein, und immer öfter ertappte er sich dabei, wie er am „Mondsee“ stehen blieb und überlegte, einmal ist keinmal,
und einmal wär`s schön, einfach den Winter zu vergessen.
Di
15
Sep
2009
20Jahre habe ich quasi auf den Tag hingearbeitet ,jetzt ist er da, und ich hab einen Kloß im Hals.
Ach mein Mädchen, liegt das tatsächlich so viele Jahre zurück, das du mit vollen Händen in den Penatentopf griffst, und alles unter deinem blonden Lockenkopf hinter einer dicken weißen Cremeschicht verschwand, aus der du mich glucksend anlachtest
als eine Gießkanne noch eine Gießelkole war, und ein Luftballon ein Lusalom
Sind das wirklich schon so viele Jahre,
als du wackelig auf deinem ersten Fahrrad saßt und ich neben her lief um dich zu stützen und wie groß und leuchtend waren deine Augen, als du ganz alleine fahren konntest, auch um eine Kurve herum
als der Schulranzen fast größer war als das ganze Deern, und ich deine Hand hielt, um dann tapfer los zu lassen, deinem ersten Schritt der großen weiten Welt entgegen.
Manchmal kommt es mir vor als wäre es Gestern gewesen,
als du mit deinen Brüdern den Bach vor unserem Haus gestaut hast , angefüllt mit einem Stolz der euch strahlen ließ, was man mit eigenen Händen leisten kann – daran änderte auch der Gärtner nichts, der gen Abend zeternd den Berg herauf geschnaubt kam.
Gestern – als ich über ungezählte Wunden pustete, tröstete und mit so schlichten Worten wie: alles wird wieder gut – deine ganze Welt wieder richten konnte.
Ach mein Mädchen,
es fühlt sich viel zu früh an, das du jetzt gehst, da ist noch so vieles das du nicht weißt, von dieser Welt, von diesem Leben
ich reich dir deinen letzten Koffer, den du im Auto verstaust
dann sehn wir uns in die Augen, liegen uns im Arm,
und du pustest so ein bisschen meine Seele, als du sagst: Hey Mupf, ich bin doch schon groß.
Als die Rücklichter deines Autos ganz verschwunden sind, geh ich zurück ins Haus,
greif zum Telefon und wähl die Nummer meiner Mutter.
Ich hör ihre Stimme, und frag sie
Mom, war das damals bei dir auch so?
Und sie sagt nur
ach mein Mädchen..................
Ich war noch nie in Irland und trotzdem liegt es mir im Herzen. Woher das kommt, hätte wohl die gleiche Antwort, wie die Frage woher die Liebe zum Meer kommt.
Man trägt es in sich, und zudem finde ich es faszinierend, dass ein ganzes Land sich nach Trollen richtet.
Baut man in Irland eine neue Straße, muss erstmal geklärt werden, ob dort Trolle in dem anvisiertem Gebiet leben. Wenn dort Trolle leben, kann die Straße dort nicht gebaut werden und wenn sie doch gebaut wird, dann macht sie ganz irrige Windungen, um die „Wohnungen“ der Trolle drum rum.
Die Trolle haben also in der Tat einen fundamentalen Einfluss auf das Leben der Iren und das nicht nur in Sachen Straßenbau.
Ja, und ich nun, vielleicht bin ich ja irgendwie eine Irin die es ausversehener weise an den falschen Flecken der Erde verschlagen hat, in ein Deutschland, wo sich die Menschen unauffällig an die Stirn langen, wenn man sich nicht wirklich zweifelsfrei entscheiden kann – gegen Trolle.
Die Rauhreifnächte, die letzten 12 Tage des Jahres, in dem sich Geister verabschieden, neue eintrudeln, das Böse des Nächtens um die Ecken zieht, um zu schauen, wo es Einlass findet. Schaber nackige Geister, die kichernd Unfug betreiben, von harmlos bis nachhaltig denkenswert und alles findet seinen Höhepunkt in der Nacht zum 21 Dezember , der längsten Nacht des Jahres, danach erobert sich das Licht wieder seinen Platz zurück, die Tage werden länger, die Wärme haucht der Erde wieder Leben ein, bis im Juli die Nacht auf ihr Recht besteht, und sich alles wieder umkehrt.
Ich hatte mich lange schon für Trolle entschieden. Nachdem ich mal einen Apfelbaum in meinem Garten gefällt hatte und danach wirklich so ziemlich alle Haushaltsgeräte den Geist aufgegeben hatten – so ganz elementare Gerätschaften, wie:
Waschmaschine, Backofen, Herd, Spülmaschine und zwar binnen einer Woche – war für mich unumstößlich klar, da waren Trolle am Werk, bzw. ich musste die Trolle dermaßen beleidigt haben, als ich ohne zu Fragen, den Apfelbaum fällte, dass sie mir nur noch Scherereien bereiteten.
Ich hab versucht die Trolle zu besänftigen, in dem ich Abends immer ein paar kleine Leckereien in den Garten stellte, die dann Morgens auch immer weg waren – nur hat sich nie geklärt, ob das nun die Trolle, unsere Igel oder doch einfach nur unsere Wetterhexe (die Katze) war.
Zur Sicherheit deckte ich nun den Tisch immer noch mit einem Gedeck mehr ein – falls der Obertroll die Traute haben sollte, mir sein Beleidigt sein, direkt von Auge zu Auge ins Gesicht zu schleudern und er sich mit mir beim Essen versöhnen wollte.
Das tat er natürlich nicht der Obertroll und was meine Kinder dazu sagten, behalt ich stillschweigend für mich, alles muss die Öffentlichkeit nun auch nicht wissen.
Lustiger weise klingelte es aber seither immer zu Essenszeiten an der Tür und die verwunderten Blicke des Besuchers , ob des Gedecks, das da schon für ihn stand, einschließlich der Frage:
Hey, woher wusstest du das ich komme
machte all das wieder wett.
Irgendwann hatte auch das Beleidigt sein meines Obertrolles wieder aufgehört und sowohl die Trolle als auch ich, lebten in einem harmonischen Nebeneinander.
Jetzt fragen Sie sich natürlich zu recht, was das denn bitte schön alles mit Rauhreifnächten zu tun hat.
Das ist nämlich so:
Irgendwann musste sich zu meinen Haustrollen, die, solange man nicht ihre Bäume fällte, absolut friedliebend sind, noch ein anderer Troll gesellt haben.
Ein unangenehmer Zeitgenosse, immer hinterrücks agierend, nicht zu besänftigen und durch nichts ließ sich eine fröhliche Seite in ihm wecken.
Ich war chancenlos und ich wusste noch nicht einmal womit ich mir diesen bösen Troll verdient hatte. Eine zeit lang fochten wir Machtkämpfe, die ich in aller Regelmäßigkeit verlor, aus. Eine zeit lang tat ich so, als interessierte es mich einen feuchten Kehricht was dieser Troll mit meinem Leben veranstaltete,
nur besser wurde darüber nichts, sondern im Gegenteil, die Situation verschärfte sich zusehends.
Mein ganzes Leben geriet darüber aus den Fugen und am tiefsten Punkt, fasste ich ein Resümee, ein schmerzhaftes und befreiendes. Ich schaute mir ganz klar ins Herz, ließ all das los, wovon ich mich schon lange hätte trennen sollen, sammelte all das wieder ein, was ich so lange vernachlässigt hatte und fügte alles wieder zusammen und fand meine innere Mitte wieder.
Ich lag am Boden, stand wieder auf und als ich wieder stand, gab es nichts mehr, was da ein Troll ins Wanken hätte bringen können.
Natürlich sagte ich das meinem Troll, was er mir nicht glauben wollte und eine Weile versuchte er seine boshaften Spiele weiter.
Am 20 Dezember morgens, schlug ich die Augen auf und tief in mir grummelte eine Stimme, bleib liegen. Ich blieb natürlich nicht liegen, sondern stand auf,
schmiss die Kaffeemaschine an, fütterte den Kaminofen mit Holz und ging in den Keller um neues Holz hoch zu holen.
In meinen Armen hatte ich schon einen Schwung voll Holz, als vor mir das deckenhoch gestapelte Holz nachgab und auf mich runter stürzte.
Ich lag begraben unter Holz und ich war mir sicher, nie wieder würde ich mich bewegen – Himmel, ehrlich, für manchen Scheiß bin ich einfach zu alt.
Logisch berappelte ich mich wieder, ging nach oben und schlürfte erst mal eine Schale Kaffee und schaute dem Flammenspiel im Kaminofen zu- und irgendeine Stimme in mir flüsterte wieder , Frau vergiss den Tag heute einfach und beweg dich keinen Schnalzer mehr.
Ich machte natürlich weiter mit dem Tag, und es ging weiter, aber wie.
Mein PC hatte ein neues Betriebssystem bekommen und zur Datensicherung hatte ich mir alle meine, mir wichtigen Dateien auf einen USB-Stick gezogen.
Nun wollte ich eben diese Dateien auf den jungfräulichen PC rüberziehen und was war?
Der Ordner auf dem USB-Stick war leer, keine gesicherten Dateien, keine Texte, alles futsch – und ich war kurz davor in Tränen auszubrechen.
Also wieder einmal alles los lassen, akzeptieren, dass meine ganzen Geschichten und all so wichtige Kleinigkeiten, unwiderruflich weg waren und sehen das die Welt sich trotzdem weiter dreht.
Rein theoretisch müsste so viel Desaster eigentlich gereicht haben, aber ein gewisser Troll drehte noch mal so richtig auf, als Abschiedsgeschenk quasi, vielleicht aber auch nur, dass ich meine Lektion never ever wieder vergesse.
Als nächstes hat mich meine Palme attackiert, dabei wollte ich dieses riesen Teil nur einfach ein büschen drehen, wegen der Gleichmäßigkeit der Sonnenbestrahlung und dann sticht die mir mit einem Wedel fast das Auge aus – was zugegebenermaßen etwas übertrieben ist, aber vier Tage lief ich mit einem knallrotem Auge durch die Gegend und wie das den ersten Tag, also an diesem 20.Dezember weh tat, darüber will ich gar nicht reden.
Ich war geschunden, alle Knochen schmerzten und meine Willigkeit, mich an diesem Tag nicht mehr zu bewegen, hatte immens zu genommen.
Aber,
so ganz konnte ich es noch nicht lassen, also startete ich noch einen Versuch, in der simplen Annahme, dass beim Hefezopf backen nichts schief gehen kann.
Das funktionierte auch alles wunderbar, meine Küchenmaschine knetete den Hefeteig ohne den Geist aufzugeben und ohne mich anzugreifen,
als ich dann aber, nachdem der Teig eine Stunde geruht hatte, den Deckel von der Schüssel abnahm, stank der Teig – nach Schuhcreme.
Fragen Sie mich nicht.
Ich weiß es nicht, die einzige Erklärung die ich habe ist trollig.
Ich haute den Deckel wieder auf die Schüssel und das einzige was ich dachte war,
LMAA ( so was denk ich sonst nie, echt)
Dann holte ich mir Terry Pratchett – der auch so trollig ist – und wartete, dass dieser Tag und diese Nacht ein Ende finden würden.
Um 23.31 Uhr tat es auf dem Dachboden einen riesen Knall, aber nachdem ich nun schon meine Trolllektion intus hatte, wäre mir nicht mal ansatzweise eingefallen, hoch auf den Dachboden zu gehen, um nachzusehen was das war.
Am nächsten Tag sah ich nach. Der Dachboden war so wie er sein sollte, nichts war kaputt, nichts zerstört und in mir wuchs die Gewissheit,
in der Nacht ist mein böser Troll ausgezogen, er hat sich ein anderes Haus gesucht, in dem er das Leben auf den Kopf stellen kann, so lange bis es jemand ordnet.
Seither ist es hier wieder schön, mittig und rund.
Im Frühjahr will ich den Ahorn vor dem Haus ein wenig kürzen, aber mittlerweile weiß ich ja, dass man das vorher mit den Trollen klärt...................

günther (Dienstag, 29 Dezember 2009 14:39)
die einen brauchen etwas länger um was zu begreifen

günther (Dienstag, 29 Dezember 2009 14:42)
es ändert sich nichts

Es war eine billige Kneipe , gegenüber vom Bahnhof, mit dunkler Holzverkleidung und dunklem, massivem Mobiliar. Selbst tagsüber wenn man diese Kaschemme betrat, war es als ob man vom Diesseits
ins Jenseits ging, in eine andere, dunkle, Welt, in welcher sich die Ausgestoßenen der Gesellschaft trafen, um ihrerseits ein Auge darauf zu haben, das kein anderer als ein ebenso Ausgestoßener
zu ihnen traf.
Man trat vom Sonnenlicht in die Dunkelheit, nahm den Geruch vom kalten Rauch wahr, der sich über die Jahre in alles gelegt hatte , an den Decken brannten ein paar vergilbte Lampen um ein wenig
Licht in die Dunkelheit zu tragen, und vereinzelt traf man auf ein paar Gestalten, die ebenso das Tageslicht flohen. Es war düsterlich, es war schmuddelig, es war floskelfrei, es war ein Stück
Heimat , für heimatlose.
Abends wenn die Fabriken ihre Tore schlossen, trudelten sie nach und nach ein – die die anders waren, die ihr anders sein wie ein Schwert vor sich her trugen, bereit es gegen jeden zu verwenden
der in ihr anders sein nicht passte – dort in der Kneipe, mit dem dunklem Mobiliar, wo jeder, jeden kannte, und Fremde nicht erwünscht waren.
Wir fragten uns später oft, wo Lisa eigentlich herkam, wann sie das erstemal aufgetaucht war, aber eine klare Antwort darauf fanden wir nicht. Eines Tages war Lisa einfach da.
Sie saß da am Tresen in einer viel zu großen schwarzen Lederjacke, und wirkte darin so furchtbar verloren, eine kleine zerbrechliche Gestalt, mit einem Alabastergesicht und zwei Augen wie
schwarze Kohle, die tief die Nacht durchdrangen.
Es war Huckley der diese Verletzlichkeit brechen wollte, und das war auch der Abend, an dem mir Lisa das erstemal auffiel.
Huckley, eine pomadierte Schleimigkeit, aufgeschwemmt vom Alkohol, von dem jeder wusste da ruhte eine Bösartigkeit die besser nicht geweckt wurde. Huckley ausgestattet mit den Insignien der Hells
Gang, der sich traute einem jungem Mädchen ihr ledergebundenes Notizbuch zu entreißen, und der sich sicher war, die Lacher auf seiner Seite zu haben, wenn er daraus laut, und herablassend zu den
Klängen von Clash vorlas.
Als die letzten Töne von Clash London calling verklangen, erreichte Huckleys Stimme jeden im Raum. Und im Bewusstsein seiner vermeintlichen Überlegenheit, verlieh er seiner Stimme noch mehr Häme
und unterlegte die zarten Worte eines jungen Mädchens mit obszönen Gesten.
Ulysses, der Chef der Gang, beendete dieses Schauspiel, er nahm Huckley das Notizbuch aus den Händen , schloss es sachte -so als ob man gesagtes wegschließen könne – und legte das Büchlein auf
die Theke, zwischen die Hände Lisas.
Es war merkwürdig still, und ich fragte mich ob es an Lisas Augen lag, ob die anderen auch sahen was ich sah – und deshalb keiner lachte – Lisas Augen und ihre Blume Blau, die ein Säufer in den
Dreck ziehen wollte.
Von da an war Lisa nur noch Blume Blau, die man jeden Abend dort in der Kascheme antraf . Sie sprach nie viel, schrieb ab und an in ihrem Büchlein, nippte an ihrer Apfelsaftschorle und hörte die
meiste Zeit den Menschen zu , die sich angezogen fühlten von ihr – und das waren nicht wenige.
Die harten Kerle, die an jedem Finger eine Frau hatten, und nur noch von Fotzen sprachen, suchten die Blume Blau und wenn sie sie fanden, dann berührte sie eine Sanftheit an einem lange
verborgenem Fleck und sie weinten über die Schönheit.
Die gestandenen Frauen, die Männer austauschten ,wie morgens den Kaffeefilter, suchten die Blume Blau und wenn sie sie fanden, machte sie die Größe atemlos und die Zartheit die von ihr ausging,
ließ sie zittern.
Sie blieb lange , die Blume Blau, an diesem Ort wo es fast so war als träte man vom Dieseits ins Jenseits...............sie blieb, und verschenkte ihr Lächeln, ihr Gehör, ihr Da sein, sie
verschenkte und gab, und als sie sah das es gut war, ging sie so leise , wie sie damals gekommen war.
Irgendwo gibt es sie noch................Blume Blau, mit Augen wie schwarze Kohle, tief wie die Nacht.
Sie sprach nicht mehr mit ihm
Bevor diese Wortlosigkeit zwischen ihnen auftauchte, hatten sie viel parliert, an einem lauschigen Plätzchen mitten im Wald.
Sinniges und unsinniges, gedankenverloren und gedankenschwer . Das konnte man gut mit ihm. Wie auch das Antworten finden, wenn man wollte. Obwohl es mitunter nicht einfach war, das Ding mit dem
Antworten finden, er schenkte sie einem nicht, zumindest nicht einfach so.
Man könnte sagen, sie waren so etwas wie gute Freunde, nicht unbedingt ganz dicke Freunde, mit dieser 100 Prozentigkeit, aber doch Freunde, mit einer gewissen Verlässlichkeit.
Bis zu dem Zeitpunkt als er ihr eine Antwort schuldig blieb. Er schwieg, als sie leise fragte
Warum?
Als sie ihr Warum lauter aussprach, schien es als würde auch das Schweigen wachsen.
Dann schrie sie es hinaus,
Warum
und der Zorn über die fehlende Antwort trieb ihr die Tränen in die Augen.
Er antwortete nicht, er war nicht mehr da und die Welt hüllte sich in ein großes Schweigen,
Es war Nacht, der Regen prasselte auf die Autoscheibe , die Scheibenwischer surrten im monotonem Intervall hin und her, so wie sie sich wieder und wieder, die Tränen von den Wangen wischte.
Erst fuhr sie ziellos durch die Gegend, bis sie merkte, das sie zu der Stelle fuhr, an welcher sie so schöne Dialoge geführt hatten.
Dort, als sich im Blätterdach der Bäume die Sonne verfing und mit dem Maigrün ein Tänzchen einging.
Sie hatte gelacht und das Gefühl der Weite und Grenzenlosigkeit hatte sie glücklich gemacht.
Das Wunder eines Grashalms ging ihr damals durch den Kopf. Das Menschen alles bauen konnten, an einem Grashalm aber scheiterten, an dessen Verwebungen von Zellen , Grün, und Wasser, an diesem
vermeintlich unscheinbaren Mikrokosmos, mit seinen ganz eigenen Funktionen und Wirkungsweisen.
Die Scheinwerfer des Autos tauchten dieses ehemals sonnenbeschienene Plätzchen, in ein gespenstisches Licht
…....und fiel, wie der junge Halm, den am frühem Morgen die Sense schnitt
nie war das ein Thema gewesen, zwischen ihnen.
Das Leben war ein frisches Grün, jung und vor Kraft strotzend. Jeden Tag rankte es ein wenig weiter in den Horizont , begleitet von der Überheblichkeit das all das satte Grün, die Stärke endlos
ist.
…..und der junge Halm verdorrte, bis er eins war, mit der Erde aus der er einst entsprang
Sie stieg aus dem Auto, ließ sich von den Regentropfen durchdringen
und brüllte in das Rauschen des Regens hinein
Warum
Warum hast du mir das genommen, was mir mein Liebstes ist
Warum
Doch Gott schwieg weiter und sie beschloss nicht mehr mit ihm zu sprechen
für unbestimmte Zeit.
Sie saß da und wartete
wartete wie bestellt und nicht abgeholt,
saß da, allein an dem rundem Bistrotisch und hielt sich fast krampfhaft an dem kleinen Glas Wasser fest, das vor ihr stand.
Der Pianist klimperte unaufdringliche Fahrstuhlmusik vor sich hin, und alles in allem war alles vollkommen unaufgeregt, unspektakulär , die Welt drehte sich weiter ,während sie sich an dem Wasserglas
festhielt und wartete
Der Ober kam vorbei, tauschte den alten Aschenbecher gegen einen neuen aus, und fragte sie , ob er ihr noch etwas bringen dürfe.
Sie bestellte noch einen Capuccino und sah zu wie der Ober >seine< leere Kaffeetasse mitnahm und damit aus ihrem Blickfeld verschwand.
Verschwand, so wie zwei, drei Wimpernschläge vorher,
er aus ihrem Blickfeld, aus ihrem Leben verschwunden war.
Die Welt dürfte sich eigentlich nicht weiter drehen, nicht Angesichts solch großer Worte, wie
Nie wieder..............
Dabei, sie wusste nicht einmal genau was sie gehabt hatten, ein Techtelmechtel das über die Jahre seinen ganz eigenen Zauber entwickelte, das immer wieder von Abschieden geprägt war, aber nie, von
Worten der Endgültigkeit.
Es hatte immer Raum zwischen ihnen gegeben,
manchmal schmolz dieser Raum auf Millimeter zusammen und war angefüllt mit zärtlicher Innigkeit, dann wieder schob sich eine ganze Welt dazwischen und man erkundete mit erstaunter Behutsamkeit dieses
unbekannte Terrain und manchmal waren sie wie zwei fremde Planeten, ein jeder auf seiner Umlaufbahn weit entfernt von einander.
Irgendwann prallten sie dann wieder aufeinander, bereichert mit neuen Erfahrungen und die alte Vertrautheit erhob sich neuerlich wie ein Phoenix mit strahlendem Gefieder.
Als der Ober den bestellten Capuccino vor ihr abstellte, tauschte sie den Halt des Wasserglases, gegen eine Zigarette und suchte mit dem Inhalieren des Rauches, den Verstand dorthin durchdringen zu
lassen, wo das Fühlen so elend und traurig saß.
Es wollte ihr nicht wirklich gelingen , sich vom Verstand durchdringen zu lassen und das Fühlen pochte weiter dumpf und monoton in ihr: nie wieder
Ihre gemeinsame Zeit war um, das hatten sie beide gespürt, aber nur er hat den Mut gefunden, die Veränderung zuzulassen, während sie festhielt an etwas das so lange zu ihr gehörte, weil sie der
Gedanke, das zum Wandel der Zeit, auch der Abschied gehörte, einfach nur schmerzte.
Der Klavierspieler hatte aufgehört die Gäste mit Tönen zu berieseln, und sie hatte die Zigarette gegen die Capuccinotasse ausgetauscht, hielt sich weiter daran fest und wartete
wartete darauf ,das das Fühlen das Denken einließ,
das das Denken, das Fühlen begriff
das sich beide einten.
Sie bedauerte es fast, als der Klavierspieler wieder Platz nahm um die Gäste weiter mit Fahrstuhlmusik zu berieseln, als aber der erste Ton erklang , war er wie ein einzelner Regentropfen der vom
Himmel fiel , und er ließ weitere Tropfen folgen, zart und zerbrechlich hoch und klar , sammelte er die Wolkenmeere und ließ sie ihre Schleusen öffenen. Er vereinte den Himmel und die Erde, wurde
ganz hoch und ganz tief, durchmaß mit seinen Händen den Horizont, ließ auf den Regen, die Sonne folgen , er schuf das Leben und ließ es schmelzen, und beendete mit einem kleinem zarten
Ton..............................
Er hatte ihr etwas großartiges geschenkt, und sie nahm es mit tränenfeuchten Augen an, fühlte den Abschied und sah das Neue darin.
Sie zahlte und ging.
Es war idiotisch, oder anders gesagt, sie wusste ja das sie irgendwie so ein bisschen meschugge war.
Man könnte auch sagen, sie machte sich über Dinge einen Kopf, über die man sich gar keinen Kopf macht.
Und warum? Wegen einer Bonboniere.
Einer mit Gummibären gefüllten Bonboniere, und um das noch genauer zu differenzieren:
Gefüllt mit den Farben grün, weiß , rot..........das Aussortieren ala, die guten ins Töpfchen die schlechten (in dem Fall gelb und orange) ins Nirwana, war also schon vollbracht, und sie brauchte nur
noch hineingreifen.
In die Bonboniere.
Sie langte also hinein, spreizte die Finger ,um so viel wie möglich von den bunten Teilen fassen zu können, um dann festzustellen das sie mit der Masse an Gummibären in ihrer Hand, die Faust nicht
mehr aus der Bonboniere bekam.
Mist, schon wieder............die Naturgesetze waren immernoch gleich geblieben.
Ihr ging dann immer das Bild von dem Pavian durch den Kopf, dem es da so ähnlich ging wie ihr.
Der Pavian stand vor einem riesen Termitenbau, und hielt einen Grashalm mit Honig in diesen Bau – worauf die Termiten standen – und er in Folge dessen nur mit seiner anderen Hand in den Bau langen
musste , um eine Handvoll Termiten heraus zu holen.
Und was geschah?
Genau, der Pavian stand ganz genauso da, wie sie – und bekam die geschlossene Hand nicht mehr raus.Er stand da ziemlich lange, der Pavian , viel länger als sie, eindeutig, insofern erübrigen sich
auch Vergleiche jedweder Art......mal ganz abgesehen davon, das Gummibären nicht davon zu laufen pflegten, wenn man denn die Hand dann doch wieder ein bisschen öffnete.
Es war idiotisch und zeugte von einer gewissen lernresistenz, wenn sie sich jedesmal wieder, auf ein neues überwinden musste, ein paar von den Dingern wieder frei zu geben um ihre Hand aus dem Glas
zu bekommen.
Himmelherrgott......für was hat man denn eine Bonboniere.............um mit vollen Händen hineinzulangen, und mit vollen Händen – und nicht mit halbvollen Händen – wieder heraus zu kommen.
So ähnlich musste das auch dem Pavian gehen, wobei jener sich wohl das „Himmelherrgott“ sparte, als er versuchte den Quantensprung von: geschlossene Faust = kein Futter , zu schaffen.
Für sie war dieser Quantensprung so betrachtet , ein leichtes – Einstein hätte seine Freude an ihr gehabt – eine quantenspringende meschugge Frau, was wollte man mehr.
Natürlich war sie sich aller optionen bewusst, die sie diesbezüglich hatte:
Glas zerdeppern – was dann allerdings so idiotisch wäre, das es das Meschugge bei weitem überstieg.
Die Gummibären gleich aus der Tüte zu mampfen, was ihr absolut widerstrebte.
Die Gummibären ungetütet irgendwo horten – was ihr aber bedenklich erschien (wer weiß schon was Gummibären tun, wenn sie sich so unmittelbar in Freiheit sehen ((nachher laufen die doch noch
davon))
Sich eine größere Bonboniere zulegen – eine, die einen vollen Griff verträgt und man nicht stecken bleibt.
Sie hatte das dann auch versucht, also das mit der größeren Bonboniere – was dann aber so frustrierend war, das sie darüber fast die Lust an den Gummibären verloren hätte.
Wer hätte auch gedacht, das es ihr fehlen würde, sich über Gummibären und Naturgesetzmäßigkeiten aufzuregen – weshalb jetzt in der großen Bonboniere ein Blümelein wächst, und sie sich wieder in aller
Regelmäßigkeit mit einem kleinen Fluchen dazu durchringen muss, ein paar Gummibären die Freiheit zu schenken, um ihre Hand aus der Bonboniere zu bekommen.
Es war kein besonderer job in dem Sinn, man ging hin, räumte das was vom Leben blieb aus, das wars dann schon.
Den job machte er ja nun auch schon seit gut und gern 20Jahren, und man kann sich vorstellen, das man da so allerhand sieht, von dem was war und was davon über blieb.
Als er anfing war er irgendwas um die 25ig, und als er das erstemal eine Wohnung betrat die „verwaist“ war, hatte er schon ein komisches Gefühl.
Klar, wann geht man schon hin, öffnet Schränke holt den Kleinkram raus, und stöbert und entrümpelt die Intimsphäre eines Fremden. Das der Fremde nun tot war, macht da nicht wirklich einen Unterschied
- also zumindest nicht am Anfang, man gewöhnt sich halt dran, wie man sich an so ziemlich alles gewöhnt.
Mit der Zeit schärfte sich der Blick, was war noch von Wert und konnte noch verkauft werden und was wanderte unbesehen in den großen Container der vor der Türe stand.
Fotoalben und diese persönlichen Ansammlungen die sich im Laufe eines Lebens zusammentragen – dafür interessierte sich kein Mensch mehr, außer vielleicht die Hinterbliebenen . Bis er kam, waren die
Verbliebenen schon da gewesen , hatten die Werte verteilt , aber die Alben waren oft noch da.
Gut, manchmal gab es auch keine Hinterbliebenen, dann wurde ein Leben aufgeräumt, entsorgt und wenn er fertig war mit seinem job, dann wusste keiner mehr, das es dieses Leben einmal gab.
Das machte er nun schon wie gesagt seit über 20ig Jahren.
Nun stand er da , das Verwaiste des Hauses drang auf ihn ein und ließ seine Hände zittern.
Es war egal im welchem Eck des Hauses er beginnen würde, welchen Schrank er auch öffnete, hinter welche Tür er blickte, überall traf ihn die Erinnerung an einen geliebten Menschen und die Erkenntnis,
nie wieder würde dieser Mensch da sein.
Er würde aufräumen, behutsam Stück für Stück all die Teile eines geliebten Lebens verabschieden und sich gleichsam einprägen.
Als letztes würde er dann das Fotoalbum mitnehmen, und es seinen Kindern zeigen - Heute, in einem oder in 10Jahren – damit sie wussten das es dieses Leben,diesen Menschen, ihre Großmutter einmal
gab.
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