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Glasauge - sei achtsam

vomLeben

Im Müllcontainer, lag ganz oben auf, ein alter, reichlich zerzauster Teddy.
Ein Auge fehlte und das andere blickte irgendwie trostlos aus diesem Container zu mir herauf.
Die Pfoten hatten grüne Flicken, die jemand sorgsam aus Filz angenäht hatte.
Seine Ohren waren fast nicht mehr vorhanden, so oft musste jemand an ihnen rum geknuddelt haben und über seiner Schnauze lag ein großes, dunkelgrünes Salatblatt.
Das braune Glasauge starrte mich immer noch an und nun schien es, als läge die leise Bitte darin, doch etwas dagegen zu tun.
Gegen dieses Salatblatt auf der Schnauze, gegen den sich wieder schließenden Müllcontainer, gegen die darauf wieder eintretende Dunkelheit und gegen den Geruch der unweigerlich der  Dunkelheit folgen würde.
Dermaßen genötigt durch ein braunes Glasauge, griff ich in den Müllcontainer und holte den Entsorgten wieder heraus.
Wie ich da so stand und das eine, verbliebene Glasauge mich in der Sonne an funkelte, erinnerte er mich.
An Wünsche und Träume die ich vor langer Zeit in die Ohren meines Teddys flüsterte. An glückstrahlende Momente in welchen ich ihn heiß und innig umarmte. An bittere Tränen die ich in seine Wangen weinte und an die Ratlosigkeit zwischen Kind und Erwachsenem, die mich meinem Teddy damals, so sehr die Ohren zerzausen ließ.
Ich stand mit Glasauge vor dem Müllcontainer, betrachtete seine ganze geliebte und gelebte Gestalt und beschloss, ihm den Moment der Momente zu geben, in der Sommersonne auf meiner Terrasse.

Beim nächsten Gang an den  Müllcontainer stand dort ein junges Mädchen. Mit vorgebeugtem Oberkörper hing sie über dem Rand des Containers und ich vermutete, dass ihre Augen sorgsam den ganzen Müll abtasteten.
Sie mochte irgendwo zwischen 14 und dem Erwachsensein sein und als sie mich herannahen hörte, ließ sie mit einem resignierendem Seufzen, den Deckel des Containers zuknallen und wandte sich zum Gehen.
Ob sie vielleicht etwas Altes gesucht hätte, da in dem Container, fragte ich sie.
Worauf sie stehen blieb, sich umdrehte und ein zaghaftes „ Ja- schon“ in den Boden nuschelte.
„Mit einem Glausauge? Und Flicken an den Pfoten“? Fragte ich neugierig.
Was sie den Kopf heben ließ und ein kleines Funkeln ihre Augen bereicherte.
„Der sitzt bei mir auf der Terrasse und lässt sich die Sonne auf den Pelz scheinen“ und in mir breitet sich wie ein kleiner Sonnenschein, die  Freude aus.
„Holst du ihn ab“?
Sie nickte nur und auf ihren Wangen macht sich eine leichte Röte breit, die sie aber nicht daran hinderte mit mir auf meine Terrasse zu gehen, um Glasauge wieder zu sehen.

„Ich soll endlich erwachsen werden“, sagen meine Eltern, „deshalb....“ ihr Blick wandert zu ihrem Teddy und wie sie das so sagt, klingt es wie eine Entschuldigung.
„Ja es ist immer Zeit erwachsen zu werden“, sag ich ihr. „Irgendwann kommt die Zeit da kehrt es sich um und es ist die Zeit, das Kind in sich wieder zu finden, wenn man es verloren hat, oder gedankenlos weggegeben hat, vor lauter erwachsen sein.“
Sie sieht mich etwas ratlos an, mit einem sehnsüchtigem Blick zu ihrem Teddy und sie hat ja recht, was soll all dieses erzählen. Erfahrungen haben schon immer darauf bestanden, selbst gemacht zu werden.
Ich drück ihr den Teddy in die Hand.
Mit einem Strahlen im Gesicht, das ihre Zahnspange blitzen lässt, zieht sie von dannen.
Mit Glasauge, zerknuddelten Ohren und Flicken auf den Pfoten.
Natürlich nicht in inniger Umarmung, sondern lässig macht sie das alles mit der linken Hand.

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