Er starb ungeliebt. Zumindest war das damals, vor gut 40 Jahren, mein Eindruck.
Ein Grab mit einem Kreuz, darauf sein Name und die Zeit, die er auf Erden verbrachte, geliebt, oder eben nicht geliebt.
Unter dem Kreuz, Dauergrün mit viel Unkraut dazwischen.
Dem Unkraut nach war ich die Einzige, die ihn immer wieder mal besuchte – den Säufer und Lump – in meinen Schulferien.
Natürlich nahm ich zwei Flaschen Bier mit und ließ den trockengelegten Säufer und Lumpen ein bisschen schwimmen und das Unkraut gleich mit.
Drei Grabreihen weiter vorn sieht mich eine kleine, schwarz gekleidete Frauengestalt an und ich kann fühlen wie sie überlegt, wie sie mich am besten verscheuchen kann – schließlich kommt sie ganz von diesem Gedanken ab und wendet sich intensiv ihrem Grab zu und ich klön noch ein wenig mit Opa.
Das hab ich natürlich nicht Oma gesagt, dass ich den Lumpen besuch und ihn auch noch wässer, mit ihrem Bier – wahrscheinlich hätte sie mir das nie verziehen.
Mit 14 ist der Himmel weit, die Träume hoch und die Augen so blau, blau, blau.
Der Glaube versetzt Berge, ist klar und rein, wie sprudelndes Quellwasser.
Gott ist ein weiser, alter Mann mit dem man plauschen kann und Gott hat Platz für einen Säufer, auch wenn der alles zerschlug.
Auf dem Friedhof modern im Eck der linken Mauer, die ausgepflanzten, verlebten Blumen vor sich hin und hüllen den ganzen Friedhof mit ihrem Geruch ein.
Neben den Blumen die Auftankstation:
Hochgestellter Metallwasserhahn, ein paar Zentimeter darunter, dass Eisengitter um darauf die Gießkanne abzustellen.
Es donnert, als der Wasserstrahl auf den Metallgrund der Gießkanne trifft.
Direkt daneben die kleine Kapelle mit dem Sünderglöcklein.
Ich hätt`s gerne bimmeln lassen, dieses Glöcklein. Damals.
Für meinen Opa und mich, damit es jeder im Städtelchen hören konnte, da waren zwei,
der eine hat gesoffen und die andere versuchte in die Welt vorzudringen, ohne das diese Entjungferung allzu großen Schaden anrichtete, für die Welt und die eigene Seele.
Schwierig, dass merkte ich schon damals.
Ich glaube, was uns verband, war seine und meine Einsamkeit. Trotzdem dass ich geliebtes Kind war, fühlte ich mich dem Säufer so nah und wollte mit ihm teilen, was er und was ich hatte.
Hitler war ein Hundsfott, damit hatte er nie zurückgehalten, in anderen Tagen, in den Tagen bevor Sie ihn holten in das nächste Städtelchen und als sie ihn wieder gehen ließen, mit gebrochenen Gliedern, war es
Danach.
Danach war er der Hundsfott, weil er seinen Monatslohn und sein Fühlen im Anker versoff, und der Welt und sich nur noch mit Verachtung gegenüber stand.
Gewiss, wenn er etwas länger gelebt hätte, wäre er mir mit eben solcher Verachtung gegenüber gestanden und ich hätte dem nichts entgegen zu setzen gehabt.
Mich schreckte das nicht und ich besuchte den Säufer weiterhin und begoss seine Trockenheit mit Omas Bier.
20 Jahre später fiel in einem kleinen Nebensatz, dass Opa am Freitag der Woche geräumt wird.
Nach 20 Jahren ist man eine braune Masse, verschwommen, irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Dieser andere, kleine, unlogische, dennoch menschliche Wert – das Zurückkehren, zu einer Seele, kleine und kurze Heimstatt finden, bei einem der ruht und nimmer erwacht – dieser kindlich anmutende Wert, war nach 20 Jahren abgegolten und des Säufers Grab wurde entfernt.
In der Nacht zum Freitag, ist der Himmel klar und hell. Winter liegt in der Luft und die Feuchtigkeit macht Dachziegel ziemlich rutschig.
Ich weiß das so genau, weil ich auf dem Dach der kleinen Friedhofskapelle stehe und mich mühsam vorkämpfe zum „Glockenturm“.
Nach einer gefühlten Ewigkeit bekomm ich das Glockenseil zu fassen und zieh es mit kräftigem Schwung auf meine Seite
– Bimm –
für dich, den Säufer
und als der Ton verhallt ist, schwing ich das Seil in die entgegengesetze Richtung
-Bamm -
für mich, die Ungläubige
Jörg Dahlbeck (Mittwoch, 21 Dezember 2011 16:36)
Das ist ein starker Text! Hat mich sehr bewegt.
der Sonnenschein Jörg
