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desertierende Zellen

vomLeben

Jetzt ist es so weit, meine Arme sind zu kurz um ein Buch in ausreichendem Leseabstand halten zu können.

Und nun düs ich lesenderweise wie ein Uhu durch die Gegend. Ein Leseuhu. Meine Kinder beömmeln sich und ich bin fast so etwas wie schockiert. Da hab ich mich in aller Zaghaftigkeit und mit Müh und Not an die 40 gewöhnt und dann stell ich ganz nebenher fest, dass frau demnächst das halbe Jahrhundert knackt.

Ich mutier also quasi zur weißen Frau, weil das Melanin beschlossen hat sich nicht mehr neu zu produzieren und irgendwelche anderen Zellen, exakt das selbe beschlossen haben.

Ich würde es ja gerne damit bewenden lassen, indem ich den Knallschoten von Zellen ein:

Ihr spinnt doch alle,

entgegenschmetter

nur bin ich mir in diesem Falle gewiss, dass sie das keinen Schnalzer beeindruckt – ihre Unwilligkeit sich weiter zu reproduzieren wird weiter die Lach und Tränenfalter tiefer graben.

Also doch: moriture te salutante

Aber nicht mit mir, mit mir nicht, nur das ihr das wisst ihr destruktiven Zellen.

Ich zerr Nehberg aus dem Bücherregal und such verzweifelt die Seite, wie man dem Brillendasein entrinnt.

Mit Augenrollen, entnehm ich dem Survivalbuch- Augen rollen nach rechts, nach links, nach oben, nach unten – jeweils bis zum Anschlag und falls ihnen dabei übel wird, ist das nicht weiter schlimm, steht in der Anleitung auch mit dabei.

Also rolle ich alle Richtungen ab, leg noch eins drauf indem ich mit beiden Glubschern die Nasenspitze anpeile und was ist das Ergebnis?

Mir ist schlecht, was ich trotz gegenteiliger Behauptung schlimm finde, aber das weitaus schlimmere, meine Arme sind immer noch zu kurz zum Lesen ohne Brille. Mist.

Bitte ersparen Sie sich jedweden Kommentar, in Sachen Geduld – Sie wissen, bzw Sie sollten jetzt wissen, meine Zellen sind eifrig am sterben, mit Geduld kommt man da nirgendwo hin.

Also setze ich mich, auf das sich die Übelkeit lege und während ich da so sitze und sinniere kommt mein Jüngster, läd seinen Bundeswehrmief ab und fragt im vorbeigehen ob ich das nicht waschen kann.

Aus einer Art Schockreaktion heraus, sag ich statt des obligatorischem Ja -

Nein, meine Arme sind zu kurz, meine Zellen sind am sterben und Wäsche waschen kommt in diesem traumatisiertem Zustand überhaupt nicht in Frage.

 

Über den Blick meines Sohnes lass ich mich jetzt nicht weiter aus

ich hab ihn nur dezent darauf hingewiesen, wenn er weiterhin so die Stirn runzelt, wird er ein echtes Problem haben, wenn seine Zellen in dem Stadium sind, in welchem sich meine befinden – flüchtig, auf nimmer wiedersehen.

Woraufhin er irgendwas von Gehirnzellen murmelt, den Klamottensack stehen lässt und selbst eiligst abrückt.

Noch so ein Flüchtiger denk ich mir. Nur das ich ihn, im Gegensatz zu meinen Zellen, spätestens dann wieder sehe, wenn der Hunger drückt.

Nachdem meine verbliebenen Zellen und ich, dann noch eine Weile vor uns hinsinnierten und ich zu dem Schluss kam, dass sich die Zelldeserteure weder durch lukullische Köstlichkeiten, noch durch couchpotating zur Rückkehr bewegen ließen, fasste ich die eklatante Entscheidung, sportlich aktiv zu werden.

Was insofern eklatant ist, weil ich der Welt unsportlichste Zellnochinhaberin bin.

Tag 1

war ich dann voll des Tatendrang, schnappte mir mein Fahrrad um ungedopt mit Armstrong in Konkurrenz zu treten.

Bzw, ich wollte – als ich dann aber auf das Radel steigen wollte, stellte ich fest, dass irgendeiner meiner Nachkommen - alles abmontiert hatte, was abzumontieren war.

Tag 2

war noch immer alles abmontiert, trotz meiner nachhaltigen Intervention ob der Dringlichkeit meiner desertierenden Zellen.

Tag 3 – wenn Sie selber Kinder haben, wissen Sie was jetzt wieder kommt:

war immer noch alles abmontiert.

In Anbetracht der lustig weiter dahin sterbenden Zellen, machte ich mich fluchend selbst daran, all die fehlenden Teile wieder anzuschrauben, was etwas chaotisch war, aber

zumindest hab ich lang nicht mehr benutzte Zellen, die eben dabei waren zu flüchten, wieder schwer aktiviert.

Nur zum Radeln hatte ich dann keine Lust mehr.

Tag 4

war ich in der vollen, bewussten Absicht und zielgerichtet zu meinem Radl unterwegs, dass da normalerweise ein einsames Leben in der Garage fristet und ich glaube, seit Neuestem freut es sich immer wenn es mich sieht – als doch glatt meine Freundin ums Eck herum kam.

Blöderweise muss ich gestehen, wenn ich die Wahl zwischen Fahrrad und Schnickschnackkaffeeklatsch habe, wähl ich natürlich was?

Eben, auch eine an flüchtenden Zellen leidende Frau ist nur Frau.

Tag 5

es regnet und auch wenn in diesen paar Tagen gewiss wieder zig Zellen abgeschmiert sind, murmel ich nur so ein: Gott sei dank, vor mich hin.

Tag 6

es regnet immer noch. Mein Kater streift mir pitschnass um die Beine und ich kann ganz deutlich hören, wie er sagt: Mach dass du in deinen Lieblingssessel kommst, schnapp dir ein gutes Buch und ich schnurr dir die Ohren voll.

Wie werd ich meinem Kater widersprechen!

Tag 7

war da was?

 

Sehen Sie wie schnell das mit dem Zellverfall geht?

Da fängt man so aktiv an und am Ende weiß man von nüschts mehr.

Hab ich Ihnen schon erzählt, dass ich seit neuestem wie so eine Leseuhu durch die Gegend düs?

Nein?

Also:

Jetzt ist es so weit, meine Arme sind zu kurz um ein Buch in ausreichendem Leseabstand halten zu können...

 

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