Er war ein Gast zu später Stunde und als ich ihn einließ,
ihm seinen schweren, schwarzen Mantel abnahm und wir uns in den Sesseln vor dem Kamin nieder ließen, lag ein wissendes Lächeln um seinen Mund und seine Augen funkelnden, wie ein ferner Pulsar am Sternenhimmel.
Ein alter Freund, der so viele Wege mit mir gemeinsam gegangen war. Anhöhen hinauf und tiefe Täler hinunter und immer war es ein wenig so, als würde er sagen
Lass sie mal machen. Sie wird lernen, sie wird fühlen, sie wird sehen und irgendwann wird sie mir die Hand reichen, versöhnlich und wissend.
Wie viele Jahre waren das jetzt?
Acht?
Ja acht, sagt er. Acht Jahre in welchen du mir bewusst die Türe geöffnet hast und ein ganzes Leben in dem ich dich begleitete und du mich gar nicht wahrnahmst.
Versonnen liegt sein Blick auf mir.
Ein ganzes Leben lang, wiederhole ich und seh ihn dabei an. Ein ganzes Leben und nun ist es vobei, Oder? Muss es vorbei sein?
Mein Gast spürt die Sorge, immerhin wir kennen uns schon lange und er weiß natürlich wie schwer es fällt, eine Türe zu schließen, los zu lassen und durch eine andere Türe zu gehen, die da schon offen steht und nur darauf wartet, durchschritten zu werden.
Eigentlich ist es nicht schwer, meint er, es ist nur die Gewohnheit die so zu schaffen macht.
Die Gewohnheit in der Zeit und das Leben das darin steckt
das nun ein Ende findet und gleichermaßen einen neuen Anfang.
Ein klein wenig ist das wie sterben und geboren werden, in einem Moment.
Hey, er streicht mir über den Kopf. Es wird anders sein, du hast deine Erfahrungen gesammelt – auch mit mir und durch mich
Es waren Etappen, lauter kleine Etappen und jedes mal warst du mit Inbrunst überzeugt:
Das ist es jetzt
und jedes mal lerntest du dazu, musstest erkennen das deine Überzeugung für diese eine Zeit die Richtige war und nachdem du neues wusstest, wich die Überzeugung einer Frage
und mit jeder neuen Frage auf die du eine Antwort fandest, kamst du ein Stück näher zu dir.
Heute nun, jetzt heute Abend,
da wir beisammen sitzen, du dir maskenlos ins Herz schautest und du im Laufe der Zeit nachsichtig mit dir selbst wurdest, du dir verzeihen konntest nicht perfekt zu sein, weder innen noch außen, suchst und brauchst du nicht mehr meinen Schutz und Mantel der ich dir immer war.
Du brauchst weder mich, noch einen Handlanger der meine Ausdruckskraft umsetzt.
Noch vor ein paar Jahren, hättest du all das vehement zurückgewiesen, hättest bestritten und mit jedem Anwalt im Duell der Worte gewonnen, wäre da jemand gewesen und hätte mit dir so gesprochen, wie du es heute mit mir und vor allen Dingen mit dir tust.
Das Leid,
ICH bin so groß, wie du willst das ich groß bin und ICH bin jener, der dir die Flucht bietet aus der Nulllinie des Alltags, der dir das Oben und das Unten gibt,
ICH bin jener der dich aus der gefühlten Leere herausholt und diese Leere anfüllt mit Schmerz.
ICH bin dein Gott – und du folgst mir wie das Lamm.
So ist das, gelle – und mein Gast schmeichelt mich an, wie Butter in der Sonne.
Ja so ist das.
Und ich frage mich, nach all diesen Jahren, was mich daran so berauscht, entzückt, ver-rückt und auch so gläubig gemacht hat.
Jetzt da mein Gast, klar, deutlich, erkennbar vor mir steht.
Aber ich weiß, dass ist auch wieder nur eine der momentanen Überzeugungen und irgendwann sagt die Zeit etwas ganz anderes.
Herr Masoch nimmt mich in den Arm
und einen Moment wiegen wir uns wie im Wind
ich reich ihm die Hand, versöhnlich und wissend
dann geht er.