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ich komme gern nach Hause

vomLeben

Ich komme immer furchtbar gern nach Hause.

Jetzt, wo ich fast ein halbes Jahrhundert in und an mir trage, wo meine Kinder groß sind und ihrerseits die Welt erkunden, setze ich mich öfters in mein Auto und fahre nach Hause, zu meinen Eltern.

Das gusseiserne Gartentor quiescht leise, als ich es öffne und ich geh hindurch ohne mein Haupt beugen zu müssen. Im Sommer ist das ein Ding der Unmöglichkeit ungebeugt durch dieses Tor zu kommen, da ist es so dicht von Hopfen eingerankt das ein jeder, der auf die andere Seite will, sich tief beugen muss.

Bei uns kommen halt nur demütige Menschen rein, sagen beide und der Schalk blitzt aus den Augen und die Lachfalten von Mund und Augenwinkeln haben ein Stelldichein.

Ich geh im Dunklen. den kleinen Weg der sich durch die Buchsbaumreihen schlängelt, am Fuß der Treppe steht Frau Riesenpiratinkürbis, mit Kussmund und einem zwinkerndem Auge und oben, treff ich auf Herrn Riesenpiratenkürbis, mit Augenklappe und gebleckten Zähnen und über der Haustüre hängt eine prächtige wundervoll anzusehende Mistel.

Als ich klingle, dauert es ein wenig und dann öffnet mein Vater die Tür.

Klein ist er geworden, in all den Jahren und so groß innerlich. Er steht da vor mir, mit dem obligatorischem Bikertuch auf dem Kopf, strahlt mich an, reicht mir seine Hand und zieht mich an sein Herz.

Schön mein Mädchen, das du da bist, sagt er, was führt dich zu uns?

Und ich sag: einfach nur so

gemeinsam gehen wir durch die Küche in den angrenzenden offenen Wohnbereich, wo an der Tafel meine Mutter sitzt.

Man kann das nicht Tisch nennen, es ist eine Tafel, immer wenn ich komme ist der Tisch „eingekleidet“ je nach Jahreszeit, mit Kerzenhaltern und jahreszeitlichem Schnickschnack.

Eben dort sitzt meine Mutter, mit ihrem leuchtend rotem Haar über ein Sudoko gebeugt und als sie mich sieht, legt sie ihren Stift beiseite, steht auf, umarmte mich innig und lässt mich wissen, wie sehr sie sich freute mich zu sehen.

Ich bin zu Hause.

Zu dritt sitzen wir am großen Tisch, besprechen Wichtigkeiten und Nebensächlichkeit, wir wandern zu den Philosophen und von dort zur Politik.

Dann kommt der Vorschlag, ich weiß nicht mehr von wem, ob man denn nicht mal wieder eine Feuerzangenbowle machen soll

Jetzt?

Ja jetzt, meine Mutter ist das.

Und schon enteilt mein Vater in die Tiefen des Weinkellers, meine Mutter sucht den Topf und das Flammenschwert für den Zuckerhut und sie sucht den Zuckerhut selbst, derweilen ich die Orangen richte.

Nach einer kleinen Weile der Emsigkeit, steht der Feuerzangenbowlentopf auf dem Tisch, mit dem Zuckerhut der wie ein kleiner Berg auf diesem so schön geschwungenem Schwert über dem Topf thront.

Das große Licht ist gelöscht und viele kleine Lichter tauchen den Raum in eine behagliche Wärme.

Big Ben, die große Standuhr lässt ihren einzigartigen Schlag erklingen, draußen bläst der Wind ums Haus und rüttelt an den Rollläden und mein Vater beginnt damit, den Zucker mit Rum zu beträufeln und dann in einem Moment der ein Leuchten in unser aller Augen zaubert, entzündet er den Zuckerhut.

Irgendwie ist das wie Weihnachten, nur das das Geschenk heute ein ganz besonderes ist.

Eigentlich sind wir ja viel zu früh, draußen ist es noch nicht bitterkalt, aber im Kachelofen knistern die Scheite und mit wenig Aufwand, lässt sich auch eine richtige Eiseskälte draußen vorstellen.

Wir dürfen also auch ohne Kälte, eine Erkenntnis die uns alle drei schmunzeln macht.

Und für einen Augenblick sehen wir alle versonnen der bläulichen Flamme zu, die den Zuckerhut auflöst und langsam aber stetig in den Rotwein tropfen lässt.

Immer ist es diese bläuliche Flamme, die ein unwiderstehliches Faszinosum bildet, die anzieht als wollte sie sagen, seh her und erinnere dich.

Und natürlich erinnert man sich, an längst vergangene Tage.

Weißt du noch? Damals? Als Uri – meine Großmutter - noch lebte?

Uri fehlt jetzt, sie mochte das Procedere um die Feuerzangenbowle und sie wusste wahre Geschichten die ein gruseln machten, sie kannte Zoten das es einem mitunter die Sprache verschlug und sie kannte Lieder und Gedichte die heute keiner mehr singt und rezitiert, weil sie mit ihrem Tod dem Vergessen anheim fielen.

Uri bekam das Frühstücksei ab, das eigentlich meinem Vater zugedacht war.

Damals ein frischgebackener Pensionär und generalmäßig gewohnt das alles so lief wie er es wollte, – auch ein Haushalt der eine kleine Ewigkeit ohne ihn ausgekommen war – und der gewiss nicht böswillig aber doch sehr eigenwillig, alles verbessern wollte.

Selbst das Bügeln wollte er meiner Mutter neu beibringen, was meine Mutter damals alles ziemlich gleichmütig hinnahm bzw immer wieder mal einen „Herrerbarmedichblick“ gen Himmel schickte.

Nachdem sich jener Herr aber nicht erbarmte, nahte dieser Sonntag heran,

an welchem mein Vater generalstabsmäßig durch die Küche ging, meine Mutter leicht enerviert war und als wir dann endlich alle unten im Garten unter einem Efeudach beim Frühstücken saßen, fing mein Vater tatsächlich ernsthaft an, an dem Frühstücksei rumzunörgeln, loriotmäßig.

Das das niemals weich sein könne, weil das viel zu lange gekocht hatte. Dieses Ei habe definitiv länger als drei Minuten gekocht, er muss da ja wissen, er war auch in der Küche.

Uri saß am Kopf des Tisches und schmierte sich ganz unbeindruckt von den Generalitäten ein Frühstücksbrötchen, aber die Augen meiner Mutter funkelten kleine Blitze und sie schickte diesem Blitzen die Worte:

wenn du jetzt nicht aufhörst, dann geb ich dir ein Frühstücksei, das sich gewaschen hat,

hinterher.

Zu meinem erstaunen, bemäkelte mein Vater weiter das Ei, das er ja noch nicht einmal geköpft hatte und zack,

kam ein Ei geflogen

weil mein Vater das noch rechtzeitig erkannte und sich in Deckung brachte, meine Großmutter aber immer noch mit Brötchen schmieren beschäftigt war, landete das Ei direkt auf ihrem linken Brillenglas.

Für einen Moment herrschte absolute Stille, dann stellte meine Großmutter trocken fest:

wenn das kein weiches Ei ist, bin ich Queen Mum

Bann gebrochen, was haben wir gelacht – damals wie heute, nur heute klingt ein wenig Wehmut mit.

Meine Mutter holt den Inn hervor

und weißt du noch, wie dein Vater uns vor den Flutmassen gerettet hat? Allein mit einem Messer und zwei Flaschen Wein?

Jaha, wir erinnern uns noch und wie. Der Kampf der Titanen, wobei der eine Titan zur fortgeschrittenen Nacht zwei Flaschen Wein intus hatte und ein anderer Titan(ein echter, so ein Wettergott) meinte, er müsse es regnen lassen und regnen lassen und regnen lassen – bis das der Inn immer höher anstieg und nur noch zwei drei Meter zwischen ihm und unserem Schawuzel dem Wohnmobil lagen.

Worauf dann mein Vater heroisch, dank des Weines, sich an die Ufer des Inns stellte, und ihn unter Gewaltandrohung, eben mit dem Messer, dazu aufforderte das Ansteigen sofort zu unterlassen. Naturgewalten unter sich – wobei mein Vater dann irgendwann einsehen musste, dass es einfacher war einfach das Schawuzel ein paar Meter höher zu fahren.

Jaja die Einsicht, man wird ja einsichtiger mit dem Alter – selbst bei meiner Tochter ist das zu bemerken, und dabei sieht er mich mit diesem Blick an, den nur Väter haben.

Mit einem leisen Lächeln, beträufelt mein Vater nochmals den schon merklich geschrumpften Zuckerhut

und fängt dann zu lachen an und erzählt, wie er heute in die Wipfel eines 10Meter Baumes stieg, um eine Mistel zu holen, für meine Mutter, weil sie die Frau für das Feine ist und für sich, weil er die Herausforderung liebt.

Und beider Herz schlug vor Aufregung und Kraftanstrengung und ein bisschen auch vor Angst – zumindest bei meiner Mutter

doch jetzt hängt sie da, die Mistel, über der Eingangstür

und natürlich haben sie sich geküsst, nach mehr als 50 Jahren Ehe, innig und geliebt geküsst und beide strahlen wie die Oktobersonne an einem klaren Tag.

Ich kenn sie nicht alle, ihre Höhen und Tiefen, aber ich kenne viele, und in mir ist das ein stille Freude, dass sie alle gemeinsam gegangen sind und sich heute wohl näher denn je sind.

Auch deshalb kehr ich immer wieder so gerne nach Hause.

Big Ben schlägt wieder seinen unvergleichlichen Schlag, bis weit nach Mitternacht ist die Erinnerung vorgedrungen, wir löschen die Kerzen und dann schlaf ich, im Anbetracht eines kleinen Feuerzangenbowlenrausch, das erstemal seit über 20 Jahren in meinem ehemaligen Zimmer

und fühl mich einfach nur wohl.

Ich komm gern nach Haus.

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