Die Sehnsucht nach dem Meer wurde Ella mit in die Wiege gelegt.
Groß, weit und salzig. Ein endloser Horizont, in dessen Wellen sich die Sonne wiederspiegelt. Mit einem Wind, der leise von der Ferne flüstert und Sternen die die Geschichten der Seefahrer erzählen.
Mit Möwen die sich am Ufer um Futter zanken und mitten drin Ella, gehüllt in ein übergroßes Badetuch, die sich vehement weigert durch das Wattmeer zu wandern, nachdem ihr ihre Mutter erzählt hatte, dass all die kleinen Häufchen die sich dort finden, von Wattwürmern stammen.
Das Meer hatte also Würmer und wenn man ins Meer hinein hüpfte und dabei vergaß den Mund zu schließen, erfuhr man ganz nebenbei, was salzig tatsächlich bedeutete.
Das waren natürlich erhebliche Einschränkungen, fand Ella, aber die Liebe, das Heimweh zum Meer, blieb trotzdem ein Leben lang.
Die Welt war eine Mondlandschaft. Seltsam stumm und kahl, durchzogen von einer Leitplanke, die nicht enden wollte.
Ella hatte den Kopf an die kühle Scheibe des Beifahrerfensters gelegt und sah der unendlichen Leitplanke zu, die keinen Anfang und kein Ende hatte.
Einmal sah sie zu Karl hinüber, sah wie er mit eisernem Griff das Lenkrad umklammerte, sodass seine Handknöchel weiß hervorstanden. Karl erzählte irgendwas vom Meer und ob sie sich freute.
Sie sieht ihn nur verständnislos an und sagt ja, weil es wohl richtig scheint und krallt sich mit den Gedanken in der Monotonie der vorbeiziehenden Leitplanke fest.
Karl steht wie mit Bleifuß auf dem Gaspedal, geradeso als würde es morgen kein Meer mehr geben.
Irgendwann tauchen Windmühlen auf.
„nicht Windmühlen, du blöde Fotze. Windräder, das sind Windräder – weißt du denn gar nichts“
Windräder ja, Windräder waren das. Windmühlen gehören zu Don Quichotte, seinen Abenteuern, seinen Illusionen.
Ella ist froh, dass ihr das richtige Wort von ganz allein einfiel und betrachtet voller Erstaunen, all die Windräder, die sich an ihrem Fenster auftun.
Windräder, flüstert Ella und die Windräder lösen die Leitplanke in ihren Gedanken ab.
Das Hotel lag mitten in den Dünen und der Geruch des Meeres war ganz nah, aber Ella ging zwischen den Dünen, wie im Grau der Leitplanke entlang.
Heimat, Schutz und Wall, all das ging verloren
als sie gestern? Vorgestern? Vor Tagen? eine dieser Hollywoodgeschichten im Fernsehen schaute. Welche Geschichte genau, das weiß Ella nicht mehr. Es war aber eine dieser Harter-Kerl-rettet-die-Welt-geschichten.
Das weiß Ella noch so genau, weil sie wie ein Karnickel in den Fernseher starrte, nur um nicht Karls Augen, seiner Wut , seinem Hass zu begegnen und weil ihr Instinkt flüsterte,
wenn du dich bewegst, hast du verloren.
Also saß Ella wie versteinert auf dem Sofa, ließ die Schimpftirade über sich ergehen, sah Clint Eastwood wie er ganz cool den Rächer gab und sah dann dieses zornesrotes Gesicht, das sich in ihr Blickfeld schob.
Ella schloss die Augen, versuchte mit den Fingerspitzen das Muster im Sofapolster zu ertasten, roch den Alkohol, der Karl aus allen Poren drang und wünschte sich, Clint Eastwood würde aus dem scheiss Fernseher klettern.
Clint Eastwood ritt statt dessen in das Abendrot und Karl ließ in seinem Zorn von ihr ab um ein willfährigeres Opfer zu suchen, das reagierte und nicht so dämlich wie Ella vor sich hin glotzte.
Ella betete inständig, dass der Kater nicht im Haus war und das Karl seinen Zorn in der nächsten Flasche ertränkte und darüber einschlief.
Doch so sicher, wie Clint Eastwood nicht aus dem Fernseher kletterte, so sicher fand Karl den Kater.
Sie hörte das Telefontischchen fallen, den Kater fauchen und Karl monströs wachsen in seinem Hass.
Ellas Herz schlug bis zum Hals, als sie sich vorsichtig erhob, zaghaft Schritt um Schritt tat und ihren Instinkt ignorierte der jetzt fast schrie, wenn du dich bewegst, hast du verloren.
Was konnte denn der Kater dafür. Was um Himmels Willen, konnte denn der Kater dafür.
Sie sieht Karl, wie er sich vom Kater abwendet, wie er sich langsam aufrichtet, geradezu auftürmt und direkt auf sie zu kommt. Schon der erste Schlag in die Magengrube reißt Ella in die Knie.
Der Rest verliert sich in Leitplanken und Windrädern und Ella ist dankbar dafür, so den Menschen fliehen zu können, froh, so Karls Vorwürfen zu entgehen, dass sie an allem Schuld und nicht dankbar genug ist, für das Meer das er ihr jetzt schließlich zeigt.
Vor alldem floh Ella in den Schutz des Grau und in den Schutz einer Düne hinein, wo sie saß und auf das Meer blickte, um in diesem hoffnungslosen Grau einen Anfang, oder ein Ende zu finden.
Ella saß und wartete, sah die Sonne im Meer untergehen und die Sterne erglühen – und sie wartete, dass die Sterne ihre Geschichten erzählten, aber die Sterne schwiegen.
Allein die Weite öffnete ihre Tore und als das Meer sich in der Nacht immer weiter zurück zog und im Mondlicht die Häufchen der Wattwürmer schimmerten, begann Ella durch`s Watt zu wandern,dem Meer entgegen, mit dem Blick dorthin, wo sich am Morgen der Horizont silbern auftat und Farbe verkündete.