Der Frühling holte auch in der Stadt die Vögel hervor, die sich tschilpend um die Brotkrumen am
Boden zankten.
In der Fußgängerzone hasteten die Menschen atemlos den Rabattkäufen entgegen,in der Sorge ein Schnäppchen könnte ihnen durch die Lappen gehen.
Die Kleidung wurde leichter und die Röcke kürzer, frau zeigte Bein – manchmal auch mehr – und Jean genoss die leicht bekleidete Fraulichkeit, auch wenn sein Augenmerk vordergründig allein auf den
Handtaschen lag.
Mit dem Blick des Kenners tastete er all die Handtaschen mit seinen Augen ab und entschied in Sekundenschnelle, ob es wert war, der Handtasche hinterher zu gehen.
Nur selten trog ihn sein erster Blick und am Abend eines solchen leichten Tages zählte er die Euros und entsorgte den Rest im Müll.
Für ein Leben in Luxus reichte dieser Erwerb mitnichten, aber immerhin hatte Jean jeden Tag etwas zu essen und jetzt, wo der Sommer vor der Tür stand, erledigten sich auch die Probleme, die die
Wohnungslosigkeit im Winter mit sich brachte.
Jean klopfte gerade 2 Portemonais in den Mülleimer und schob sich 110 Euro und ein bisschen Kleingeld in die Hosentasche, als ihn ein alter Mann ansprach.
Hoch gewachsen, mit einem Borsalino auf dem Haupt, der das meiste von seinen silbernen kurzen Haaren verdeckte.
Junger Mann, wenn sie mir helfen könnten , die Einkaufstüten nach Hause zu tragen, dann wäre ich ihnen ausgesprochen dankbar.
Der alte Mann sah Jean aus wachen blauen Augen an und Jean, der etwas verdutzt über die Bitte war, spuckte vor dem alten Mann aus und ließ ihn wissen, das er das klar tun könne,
aber, umsonst ist der Tod und ein 10er müsse auf alle Fälle für ihn drin sein.
Erstaunlicherweise für Jean , ließ sich der alte Mann auf die Forderung Jeans ein und so kam es, dass ein hoch gewachsener, sehr gerader Mann, mit einem jungen Mann, der ungezügelt in der Kraft
war, durch die Stadt lief.
Sie kamen nach knapp 5 Minuten vor dem Haus des alten Mannes an und jener drückte Jean die 10 Euro in die Hand und schob eine Einladung zum Essen hinterher.
Jean fühlte sich wieder irgendwie überrumpelt und insgeheim dachte er, wie dämlich musste jemand sein, ihm 10 Euro fürs Tüten tragen in die Hand zu drücken und dann noch einen Wildfremden in die
eigene Bude zum Essen einzuladen.
Oberdämlich, der Mann konnte nur oberdämlich sein, aber möglicherweise sprang ja für Jean noch ein wenig mehr raus als die 10 Euro und ein Essen.
In Anbetracht des zusätzlichen Erwerbes trug Jean Stufe für Stufe die Tüten dem alten Mann hinterher, der ihm knarzend auf den Holzstiegen vorne weg ging.
Im 4. Stock zückte der alte Mann seine Schlüssel, atmete einmal schwer durch und ließ Jean wissen, dass er es mit zunehmendem Alter immer mehr bedaure, dass es in diesem Haus keinen Lift
gab.
Jean zuckte darüber nur die Schultern und trat, nachdem der alte Mann die Tür aufgeschlossen hatte, hinter dem alten Mann in die Wohnung.
Es war ein lichter Altbau, mit hohen Decken, gänzlich untypisch, sehr offen gehalten.
Der alte Mann ging zielstrebig voran in die Küche, die im Wohnbereich integriert war.
Jean stellte alle Einkaufstüten auf der Anrichte neben dem Herd ab und harrte der Dinge, die da kamen.
Der alte Mann zog seinen Mantel aus und nahm den Hut ab, zeigte Jean, wo er seine Jacke aufhängen konnte und rieb dann seine Hände in freudiger Erwartung.
Was also kochen wir nun, junger Mann?
Jean stand dieser Frage gedankenlos gegenüber und meinte nur, dass er keine Ahnung hätte. Seinethalben täts auch ein Döner oder zur Not auch Pizza.
Was ihm nur ein Stirnrunzeln von Seiten des geraden Mannes einbrachte.
O.k, junger Mann, wenn Sie nicht wissen, was gut ist, dann weiß ich das – zumindest in Teilen.
Und der alte Mann legte fest, dass sie sich heute an Filetspitzen in Rahm, diversen Gemüsigkeiten und Reis verlustieren würden.
Irgendwelche Einwände von der jungen Front dazu? Der gerade Mann sah Jean fragend an.
Keine Einwände und fast hätte Jean noch ein „Euer Gnaden“ angefügt, dass er sich aber im letzten Moment verkniff.
So kam es, das ein gerader, alter Mann und ein junger ungezügelter in der Küche eines Altbaus standen, schälten und schnippelten, brieten und würzten.
Und ein alter Mann einem jungen währendessen erzählte aus und von seinem Leben, verkostend, probierend und immer mit dem gesunden Augenmerk, nicht zuviel oder zuwenig zu erwischen,
an Kräutern, Brattiefe und vor allen Dingen nicht zuviel von dem was, einen so leise und still umbrachte,ohne dass man es merkte.
Der alte Mann sah Jean aus seinen blauen Augen an und Jean schnappte sich über diesen Blick eine Zwiebel, die er klein hackte, ohne aufzusehen.
Nachdem die Arbeit getan war und alles in den Pfannen schmorte, der Tisch gedeckt war und Jean feststellte, dass seine Wangen tatsächlich glühten
und der alte Mann ihnen beiden einen Roten einschenkte, so erdig und tief wie es nur die Franzosen können, da hatte Jean für einen Moment den Blick in eine Oase, die Stille in sich trug und in
betörenden Farben leuchtete.
Heimeligkeit überkam Jean und das erste Mal in seinem Leben hatte Jean das Gefühl,
sein zu dürfen, sein zu dürfen, so wie er ist
und während die Behaglichkeit des alten Mannes und seiner ganzen Umgebung auf ihn einströmte, stiegen Tränen in Jeans Augen.
Weshalb er seinen Blick und sein Denken auf den Teller lenkte und geräuschvoll das Essen auf seine Gabel schob.
Unterdessen schenkte Der alte Mann nocheinmal das Rotweinglas voll und meinte in seiner sachten, stillen Art,
dass es nun wirklich an der Zeit wäre sich vorzustellen.
Aufmunternd hielt der alte Mann dem jungen Mann das Rotweinglas entgegen:
Ich bin Victor – und du?
Jean hob das Glas an und ließ es leise klingen, als sich beide Gläser kurz berührten.
Jean, ich bin Jean.
Danach war nur noch das Besteck zu hören, das auf den Tellern klapperte und als das Essen beendet war, räumte auch Jean sein Geschirr auf, als ob es die größte Selbstverständlichkeit auf Erden
wäre.
Victor, der gerade Mann, bot Jean an, über Nacht zu bleiben und Jeans Augen verengten sich und funkelnd sagte er dem alten Mann , dass er dem alten Mann an die Klöten gehen würde, wenn er auch
nur ansatzweise irgendwelche sexuelle Aktivitäten an den Tag legte – weil schwul wäre er nicht.
Ach Gott – Jean- meine Liebe ging schon lange, lange, lange und nein, ich hab dich nicht eingeladen, um sexuellen Lüsten zu fröhnen.
In dieser Nacht lag Jean nach langer Zeit das erstemal wieder in einem Zimmer, für sich allein und in „seinem Bett“, lauschte mit unter dem Kopf verschränkten Armen dem gleichmäßigem Ticken der
Uhr und atmete mit Wohlbehagen den Geruch von frisch gewaschener Bettwäsche ein.
Jean schlief erst spät ein und als er wieder erwachte, zog der Geruch von frischem Kaffee und Toastbrot durch die Wohnung.
Es war einer von vielen Morgen, die er mit dem altem Mann verbrachte.
Ein jeder Morgen beginnt mit einem guten Frühstück. Das war die Devise des alten Mannes und so kam es, dass sich Jean eine Woche lang an einen liebevoll gedeckten Frühstückstisch setzte und ihm
nach dieser Woche einfiel, dass es den alten Mann vielleicht auch freuen würde, wenn er den Frühstückstisch decken würde.
Dort am Frühstückstisch, während ihm der Alte erzählte von Alexandra – der Eroberin- seiner Frau, wie sie ihn still erobert hatte, wie sie ihm die Welt zeigte durch ihre Augen und er so froh
darüber war, weil er nichts mehr sah, nichts mehr fühlte, nachdem der Krieg damals alles in ihm ausgelöscht hatte.
Der Schmerz war so groß, Jean,
der Alte sah ihn dabei direkt an,
dass er alles andere auslöschte – das Fühlen – mit sich, mit anderen
das Sehnen nach Geborgenheit,
allein die Härte blieb.
Hart sein, damit niemand je wieder das Weiche die Seele verletzen konnte.
Und – als ich dich sah, wie du die Portemonais in den Mülleimer geschmissen hast,
als ich sah, wie du das Geld in deinen Hosentaschen verstautest und danach die Fäuste in den Taschen balltest,
da dachte ich,
dass ein Mensch, der nie Nähe, Geborgenheit, Wärme erfährt,
nie die Chance hat, eben das zu fühlen, wenn nicht ein anderer Mensch auf ihn zugeht und ihm das gibt – Liebe und Nähe – ich hatte Alexandra
und wen hattest du?
Jean sah betreten zu Boden.
Es gab nur einen Menschen, der ihn etwas Geborgenheit fühlen ließ.
Nur einen Menschen, der Anteil an ihm nahm und der ihn teilhaben ließ, an einem Leben, eingebettet in Fürsorge und Interesse aneinander.
Jean biss sich auf die Lippen. Nichts würde er dem alten Mann erzählen, nichts davon, wie man als kleiner Junge auf dem Schoß des Vaters ritt, wie der Vater drängte und dann prügelte
und wie er, Jean, als er 16 war, den Vater blutig geschlagen hatte und er danach überall unerwünscht war.
Das war Jeans Normalität. Der grenzenlose Abstand, das ungekannte Gefühl, in Elntern Heimat und Geborgenheit zu finden.
Heimatlosigkeit.
Nie hatte jean ein Wort dafür gehabt- auch, wenn man nur schwer worte für etwas finden kann, das man nicht kennt
Irgendwann, nach Tagen, als Jean begann, diesen Tagesablauf zu lieben,
irgendwann da fiel Jean ein, dass er nur mitgegangen war, um zusätzlich leichtes Geld mitzunehmen.
Nachts,
als er die gleichmäßigen Züge Victors aus dem Nachbarzimmer hörte, stand er auf, ging auf leisen Füßen durch die Wohnung und packte alles in seinen Rucksack, das von Wert war.
Das Silberbesteck, ein Silberleuchter und eine Uhr,
die laut Victor von Vater zu Sohn ging.
Mit diesem Rucksack machte sich Jean auf zum Bahnhof,
wo er aufgegriffen wurde von der Polizei, die nachhaltige Fragen stellte,
wie es kam, das so ein Jüngling wie er zu all diesen Wertsachen im Rucksack kam.
Ein Geschenk!
Jean sagte schlicht, das war ein Geschenk.
Die Polizisten wollten dann auch tatsächlich die Anschrift des Schenkers haben,
und so kam es, dass Jean mit zwei Sheriffs morgens um 8 bei dem alten Mann klingelte.
Der alte Mann öffnete die Türe
und die Polizisten fragten ihn, ob er diesem jungen Herren – und die Polizisten blickten vielsagend in Jeans Richtung – all diese Wertgegenstände geschenkt hätte.
Der alte Mann blinzelte ins Licht des Hausflures und sagte nur,
meine Herren,
wenn dieser junge Mann sagt, ich habe ihm diese Dinge geschenkt,
dann gibt es daran gar nichts zu rütteln und deuteln.
Worauf sich die beiden Polizisten verabschiedeten
und Victor und Jean sich noch einmal lange ins Auge sahen.
Dann schloss der alte Mann die Tür.
Als die Tür sachte ins Schloss fiel, stand Jean eine kurze Weile da, betrachtete gedankenschwer die Türe. Dann nahm er zwei Stufen der Treppe auf einmal und trat aus dem Dunkel des Hauses, hinaus
in die milde Sonne des Mai.
So genau wusste Jean nicht, wohin er jetzt gehen sollte und er sah sich wie nach einem Zeichen suchend in der Straße um.
In der Ferne konnte er einen kleinen Jungen erkennen, vielleicht 7 Jahre alt, mit einem leicht hüpfenden Schritt, der voll Vorfreude zwischen seinen Händen eine Münze hin und her warf.
Mit schmalen Augen beobachtete Jean den Jungen und als er näher kam, konnte Jean das Leuchten in des Knaben Augen sehen. Noch immer warf der Junge die Münze von einer Hand in die andere und als
sich das Kind auf Augenhöhe mit Jean befand, glitt dem Jungen die Münze aus der Hand.
Mit einem leisen Klirren landete sie auf dem Bürgersteig und rollte, ganz so, als ob sie alleine für diesen einen Menschen bestimmt war, auf Jean zu.
Ohne zu zögern stellte Jean seinen linken Fuß auf die Münze und beobachtete weiter den kleinen Jungen, dessen Leuchten sich nun aufgelöst hatte und der fast verzweifelt den Boden um sich herum
mit den Augen absuchte.
Für einen kurzen Moment kreuzten sich ihre Blicke und fast schien es, als wollte der Junge Jean etwas fragen.
Eine Frage, die er sich aber nicht zu stellen wagte, nachdem er Jeans abweisenden Blick gewahr wurde und so senkte der kleine Junge betrübt seinen Kopf und ging mit schweren Schritten
weiter.
Jean sah ihm noch lange nach.Er sah ihm noch nach, nachdem der Junge schon lange in einer Seitengasse abgebogen und gänzlich seinem Blickfeld entschwunden war.
Erst als Jean realisierte, dass der Junge nicht mehr da war, hob er schwer seinen linken Fuß und bückte sich nach der Münze, die so ein Leuchten in das Gesicht des Kindes gezaubert hatte.
Jean betrachtete erst die Münze, dann die Seitengasse, in die der Junge abgebogen war.
Wieder und wieder ließ er seinen Blick zwischen Münze und Gasse hin und her gleiten
und dann rief er mit der Inbrunst seines ganzen Herzens:
Junge komm zurück – ich hab deine Münze!
postscriptum
diese Geschichte entstand alleine, weil ich Victor Hugo liebe- weil ich fast jeden Tag bedaure, dass wir niemals den Sonnenuntergang gemeinsam geglubscht haben, weil er es verabsäumt hat, sein
fundamentales Wissen
über und um den Menschen weiter zu geben
und weil er, wie jeder große Geist
sich vor allen anderen verschlossen hat- außer in seinen Büchern
und noch ein postscriptum
Jean - ist den Elenden entliehen,
falls irgendwer hier mit der Unlogik zu kämpfen hat.