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11

Apr

2010

lamije

vomLeben

 

In Himmelreich ging es beschaulich zu. Hier war nichts zu spüren von der Hektik ,die die restliche Welt erfasst hatte. Im Frühjahr kamen hier die Menschen wieder aus ihren Häusern. Frau Maier erzählte Frau Müller den neusten Klatsch.

Im Kurzwarenhandeln von Herrn Schneider nahmen sich die Menschen wieder ausgiebig Zeit, zum Palavern und Plauschen, weil keiner mehr den Heimweg in der Kälte fürchten musste.

Und mit dem Frühjahr tauchte auch wieder Fürchtegott auf, der wie jedes Jahr „seine“ Bank vor Herrn Schneiders Gemischtwarenhandel bezog und stumm die Menschen beobachtete,

Fürchtegott, sprach nie, weder grüßte er, noch ließ er sich auf irgendwelche Gespräche ein. Allenfalls bedachte Fürchtegott einen mit einem kurzen Blick, der gebot zu schweigen oder zu gehen – am Besten beides.

In früheren Zeiten, als Maria noch die Hauptschule von Himmelreich besuchte, hatte Fürchtegott noch seinen Hund dabei. Ein großer schwarzbrauner Mischlingshund, der wie sein Herr, jeden böse anfunkelte, der näher kommen wollte.

Einmal waren die Hänseleien der Schulkinder besonders arg ,da hatte Maria gedacht, sie müsse ihre Angst vor dem Hund überwinden und Fürchtegott sagen, das nicht alle Kinder so waren, und das sich Fürchtegott das nicht zu Herzen nehmen brauchte. Aber als sie Fürchtegott und der Bank so nahe war, das sie beide hätte berühren können, fletschte der Hund so grimmig die Zähne, das Maria sich kräftig erschrak und seither tat sie so , als ob sie Fürchtegott und seinen Hund nicht sah.

Irgendwann besuchte Maria das Gymnasium in der nächst größeren Stadt und Nachmittags kehrte sie mit dem Bus in das kleine beschauliche Himmelreich zurück, wo sie Fürchtegott „nie“ sah und immer einen großen Bogen um „seine Bank“ machte.

Eines Tages, saß Fürchtegott dort alleine auf der Bank. Statt seines großen Hundes, der ihm immer zu Füßen lag, hielt Fürchtegott nun einen Gehstock zwischen seinen Beinen, auf den er sich schwer mit seinen Händen stütze.

Marias Herz begann schneller zu schlagen und sie versicherte sich gedanklich zig mal, das ein Gehstock nicht beißen konnte, und das auch schmallippige, verächtlich blickende alte Menschen, ein Herz hatten, irgendwo.

So setzte sich Maria mit klopfendem Herzen, neben Fürchtegott auf die Bank, sehr erleichtert darüber , das Gehstöcke tatsächlich nicht bissen und begann einfach unbedarft vor sich hin zu plappern. Über die Großartigkeit des Wetters, Banalitäten aus der Schule, große Freuden, kleine Traurigkeiten, oder andersrum kleine Freuden und große Traurigkeiten.

Tag für Tag, machte das Maria so. Sie stieg aus dem Nachmittagsbus aus, und ging direkten Weges zu Fürchtegott und seiner Bank und erzählte ihm Teile ihrer kleinen Weltgeschichte, was Fürchtegott mit stoischer Gelassenheit und einem Blick der in weite Fernen schweifte über sich ergehen ließ.Maria hätte auch genauso gut alles einer Wand erzählen können.

Sie wollte aber Fürchtegott erzählen, und eines Tages erzählte sie Fürchtegott, dass sie einen ganz wundervollen Menschen kennengelernt hatte, den sie innen wie außen so schön fand

und es war Maria, als ob Fürchtegott die Luft anhielt.

Als Fürchtegott schwer und langsam wieder ausatmete, wandte er sein Gesicht Maria zu und klärte sie darüber auf, das er Josef hieß.

Das braucht dich nicht verlegen machen, Mädchen, keiner will das mehr wissen, das es einen Josef gab, für alle ist es besser nur den Fürchtegott zu sehen, und er schob ein leises „auch für mich“ hinterher.

Maria hatte es die Sprache verschlagen, darüber das Fürchtegott, bzw Josef reden konnte, und das sie all die Jahre einfach den Namen übernommen hatte, den andere Josef gegeben hatten.

Josef legte seine Hände um den Knauf seines Gehstocks und als er begann zu erzählen, hörte Maria eine Sanftheit in seiner Stimme, die so gar nicht zu dem verächtlichen und abweisendem Blick des alten Mannes passen wollte.

Ich werd wohl kaum älter gewesen sein als du Mädchen, vielleicht 18 Jahre als ich einen Menschen kannte, der innen und außen – wie du sagst – wunderschön war.

Freddy, mein Schulkamerad und Freund. Wir kannten uns seit Kindheitstagen und es gab wohl nichts, was wir uns nicht erzählt hätten – hatte ich geglaubt.

Bis ich eines Tages, Freddys Eltern waren nach Stuttgart verreist, einfach so bei Freddy reinplatzte und ihn in Frauenkleidern vorfand.

Es war ein Schock für mich, und ich wendete mich wortlos von ihm ab. Wischte fast 18Jahre Leben mit einem Handstreich weg und sagte meinen Eltern, wenn Freddy nach mir fragen sollte, dann sei ich nicht da.

Freddy musste es wohl öfters an der Haustüre versucht haben, und einmal sprach er mich auf der Straße an – hier , gegenüber von Schneiders Kurzwarenhandel- ich schlug ihm meine Faust ins Gesicht, sodass seine Nase brach und als ich dieses blutende Etwas sah, drehte ich mich verächtlich um, und ging meiner Wege.

Über seinen vermeintlichen „Betrug“ an mir, behielt ich trotzdem Schweigen. Freddy war zwar nicht mehr mein Freund, aber dem was man den Homosexuellen damals antat, oder Männern in Frauenkleidern, dem wollte ich ihn auch nicht aussetzen. Im Nachbardorf hatte man damals so einen Homo halb tot geschlagen.

Es kam, wie es kommen musste, eines Tages flog Freddys Geheimnis auf, als seine Mutter ihn in Frauenkleidern erwischte, darüber Mord und Zeter schrie und der Vater sich diesem Mord und Zeter lückenlos anschloss.

Das war Anfang der 50er Jahre gewesen, vielleicht hätte das auch alles ein gutes Ende nehmen können, wenn damals nicht von Amerika eine neue Mode geschwappt wäre, die den Menschen versprach, sie würde sie heilen, von Depressionen, Aggressionen , Homosexualität und anderem abnormen Verhalten.

L-o-b-o-t-o-m-i-e hieß das Zauberwort. Ein kurzer, einschneidender Eingriff ins Gehirn, und schon hätte man einen ganz normalen Menschen – in ca 70% aller Fälle. Die anderen 30% verschwieg man geflissentlich.

Freddy wollte damals nicht, das interessierte aber niemanden. Seine Eltern wollten einen normalen Sohn und nachdem Freddy noch nicht volljährig war, lag die Entscheidung allein bei ihnen.

Sie holten ihn an einem Donnerstag, und zwei Wochen später brachten sie ihn zurück.

Eigentlich wollte ich nicht wissen wie es ihm ging, aber irgendwann ging ich dann doch hinüber, klingelte, wie ich es früher so oft getan hatte und fragte ob ich Freddy besuchen könne.

Seine Mutter führte mich nach oben zu Freddys Zimmer und dort lag er.

Mit starren Augen die gen Decke blickten, der Speichel troff ihm aus dem rechten Mundwinkel und sein rechter Arm bewegte sich in wilden Zuckungen.

Sein letzter Brief an mich, kam mir in Erinnerung, in dem er mich fast anflehte ihm zu glauben, das er immer der Mensch sein würde, den ich kannte, das Frauenkleider daran nichts änderten.

Immer bin ich Mensch Josef, ein Mensch mit Gefühlen, mit Freude und Schmerz nicht weniger als jeder andere Mensch auch.Nimm mir nicht deine Freundschaft Josef, ich bitte dich.

Diese Worte hallten in meinem Kopf wieder, als ich auf diese Gestalt in dem Bett vor mir blickte. Es war so schwer vorstellbar, das darin irgendwo noch Freddy sein sollte, und das erstemal erfüllte sich mein Herz voller Scham, das ich einem Menschen der innen und außen so schön war, meine Freundschaft entzogen hatte, weil ich einen „normalen“ Freund wollte.

„lamije“ unter größter Anstrengung brachte Freddy die Silben hervor, er lallte wie ein schwer Betrunkener, wieder und immer wieder, lamije, während er an die Decke stierte und aus seinem Mundwinkel die Spucke rann.

Lamije, lamije, ich wiederholte das Wort, in der Hoffnung darin einen Sinn zu erkennen, der sich mir aber nicht erschloss. Dann als ich mich zum gehen wandte , stand es aufeinmal klar vor meinem Auge.

Lass mich gehen? Ich sah Freddy fragend an. Lass mich gehen? Und Freddy schloss sekundenlang beide Augenlider.

 

Ja Maria, so war das damals, vor langer, langer Zeit- einmal noch besuchte ich Freddy und ließ ihn gehen, mit einem blütenweißen, gestärktem Kissen

Keiner fragte nach, niemand wollte etwas wissen und aus Josef wurde Fürchtegott, der ein halbes Leben lang auf den richtigen Zeitpunkt wartete und angefüllt ist mit Furcht und Scham.

Josef sah Maria aus seinen wäßrigen, blassblauen Augen an, dann erhob er sich mit einem leisem Danke und ging mit staksigen Schritten gen Heimat.

Danach blieb die Bank vor Schneiders Kurzwarenhandel immer leer.

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