Früher war das so, wenn meine Großmutter von mir, dem jungen Ding eine Verschnaufpause brauchte, dann drückte sie mir eine Milchkanne in die Hand, mit dem Order damit in den Wald zu verschwinden und erst wieder nach Hause zu kommen wenn sie voll wäre mit Blaubeeren.
Ich hasste das, dieses Blaubeer pflücken und fand es schlichtweg frustrierend, zu sehen wie eine handvoll mühvoll, gepflückter Beeren, sachte in die Kanne pollerten und nicht einmal den Boden bedeckten.
Manchmal, holte ich mir dann Birger dazu. Birger, der Pirat mit den strohblonden, schulterlangen Haaren, eisblauen Augen und einem schiefem Grinsen im Gesicht.
Birger war der, mit dem man auf dem Bett rumhüpfen konnte, mit dem man Kissen schmiss und dem man erzählte wie doff doch die ehemals beste Freundin war, weil sie einem einfach die große Liebe vor der Nase weg geschnappt hat.
Mit Birger saß ich in unserem Baumlager und wir pafften nach und nach alle Zigaretten einer Schachtel Marlboro die irgendwer draußen auf dem Bürgersteig verloren hatte.
Als meine Großmutter ob der Rauchwolken über dem Lager überlegte ob sie die Feuerwehr oder doch nur die Enkelin rufen sollte, entschied sie sich für letzteres und siehe da, der Rauch verflog.
Wir kassierten einen Jahrhundertanschiss an dem hinten dran der Befehl hing: und lasst euch ja nicht einfallen, das euch schlecht wird..........
Mit Birger fuhr ich als Sozia auf dem Moped und im Winter in einem Affenzahn mit dem Schlitten den Berg runter – über eine Schanze die da gar nicht hätte sein dürfen, um dann festzustellen, das ein freischwebender Schlitten mit zwei Pappnasen, wie ein Stein senkrecht nach unten fällt. Schlitten und zwei Arme waren gebrochen und es war wieder so ein Jahrhundertanschiss fällig......nur das mit dem „schlecht werden“ fiel diesesmal weg.
Eben mit diesem Birger, zog ich los, bewaffnet mit Milchkanne und jeder Menge Geschichten. Birger erzählte mir dann solche Geschichten wie die vom Kappesweiher ,wie er dort mit nur einer Angelschnur und Haken innerhalb von 10 Minuten 8 Forellen rausgeholt hatte und das nur weil die Viecher so angefüttert waren, dass sie alles was ins Wasser fiel, für Futter hielten – sogar blanke Haken.
Blöderweise kam genau zu dieser Zeit der Kappes vorbei, meinte Birger und grinste mich schief an, aber was meinst du wie ich die Beine in die Hand genommen habe und was meinst du , was mir der Kappes alles hinterher gerufen hat.
So liefen wir erzählend und kichernd entlang der goldenen Weizenfelder, Richtung Wald. Der Himmel zeigte sich im schönsten Blau und alles war umlagert vom Zirpen der Grillen.
Im Wald empfing uns eine angenehme Kühle , zwischen den Tannen bahnte sich die Sonne ihren Weg und es war als beträte man eine andere Welt in der die Zeit still stand.
Birger konnte das Beeren zupfen so wenig haben wie ich,weshalb er durch den Tann entschwand um Pilze zu suchen, möglicherweisme wendete er sich auch wieder Kappes Weiher zu.
Ich saß da, in einem lichten Feld, zupfte in der Hocke die gehassten Blaubeeren, ließ mich von der Monotonie tragen und atmete mit jedem Pollern das in der Kanne klang ein Stück weit mehr auf und sehnte das Ende herbei.
Meine rechte Hand, zupfte in den kleinen grünen Büschen, dunkle blaue Beeren.
Und ich fluchte, auf blaue Beeren, Schnaken und Gott und die Welt, während meine rechte Hand weiter in dem kleinen Busch Blaues zupft. Irgendwann kam Birger von seinem Streifzug zurück und half mir beim Beeren pflücken.
Als die Milchkanne fast voll war, berührten sich im grünen Busch zwei Hände.
Zufällig, unachtsam gestreift, wie ein Bus.
Über dem kleinen Busch trafen sich zwei Blicke und wir „sahen“ uns zum Ersten mal.
Im grünen Busch, verharrten zwei Hände in einer sachten Berührung die die Wärme des anderen in Wellen in`s eigene Herz pumpte.
In der Ferne rief ein Kuckuck seinen Namen und ich wusste in diesem Moment , das wir uralt werden, das wir blaue Perlen pollern lassen können, ohne eine Milchkanne zu brauchen.
Birger zupfte mir eine Tannennadel aus dem Haar und versucht ein Lächeln, das aber wieder zu einem schiefem Grinsen geriet und nachdem wir die Kanne zur Gänze mit Blaubeeren gefüllt hatten, fragte ich mich, ob ich mir das nicht alles eingebildet hatte
Im Wald herrschte Stille die nur durch das Brechen der kleinen Zweige unter unseren Füßen gestört wurde, als wir uns auf den Heimweg machten.
Wortlos gingen wir auf dem Kiesweg zurück auf dem wir hergekommen waren und ich war mir sicher, dass ich mir diesen Moment der blauen Perlen nur eingebildet hatte-
als sich Birgers Hand warm und vertraut in meine Hand schob.
Da war es wieder da, alles, und für eine Weile standen wir nur auf diesem Weg, sahen uns an und irgendwo pollerten wieder blaue Perlen in die Universumsmilchkanne.
Als meine Großmutter uns so sah, gab es keinen Jahrhundertanschiss – wieso auch, die Kanne war voll – sie sah nur Birger und mich ziemlich streng an und meinte: Wehe dir wird schlecht.