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So

14

Feb

2010

remember me

vomLeben

Seit 10Jahren war ich nicht mehr in Heidelberg gewesen

und nun musste ich wieder dorthin. In die Uni für 3 Wochen.

Die Uni ist wie eine kleine Stadt, und in den 10Jahren ist diese kleine Stadt beträchtlich gewachsen.

Der botanische Garten liegt zeitlos im Kern dieser kleinen Stadt -genau gegenüber der inneren Medizin, dort, wo ich jetzt bin.

Vor 10 Jahren hab ich dort meinen Sohn im Rollstuhl geschoben, durch den botanischen Garten und wir sammelten alles was ging an Früchten und Samen

Am anderen Ende des Gartens steht ein Hochhaus, das Kinderkrankenhaus und darin im 7Stock, die H7- die Kinderkrebsstation.

Mittlerweile macht es einen verwaisten Eindruck und es trifft mich tief im Herzen, vor diesem Haus zu stehen, es so leer zu sehen und über all dieses Leid zu wissen das sich dort einmal fand.

Mein Magen klumpt sich zusammen, Tränen steigen in meine Augen

und ich schleiche wie ein Dieb leise der Vergangenheit nach.

Die Hallen , dort wo einstmal die Ambulanz war, sind leer und nichts lässt darauf schließen, das hier einmal Kinder auf dem Schoß ihrer Mütter saßen – quengelnd , lachend, ruhig oder ungeduldig.

Wer hoch zur H7 wollte, musste erst durch die Ambulanz.

Ich steh vor dem Fahrstuhl und es ist mehr ein Reflex denn ein Wollen , das ich die Taste drücke und warte das der Fahrstuhl kommt.

Wie oft sind wir damit rauf und runter gefahren, hinein in Zuversicht, in wortlose Schrecken, in ungesagte Ängste und riesengroße Hoffnungen.

Der Fahrstuhl kommt, die Türen öffnen sich – und ich seh nur einen kleinen Jungen, so furchtbar blass und mager, ohne Wimpern und Augenbrauen, unter einer Baseballkappe in einer viel zu großen Jacke im Rollstuhl.

Er lacht mich an, mit Grübchen in den Wangen.

„nun komm schon, sei nicht feige..........komm“

und ich steige ein, wisch mir die Tränen weg, drück auf die 7.

Die Türen öffnen sich wieder und geben den Blick frei auf das „Spielzimmer“ im Zentrum der H7.

Davor steht noch immer der große breite Tisch, an dem wir Mütter zusammen saßen, die Angst weg redeten, die Zuversicht herbei redeten, der Tisch an dem wir uns Kraft gaben und an dem wir weinten wenn die Zuversicht zusammen brach und der Tod so bedingungslos im Raum stand.

Zwei Türen weiter, das Zimmer in dem ein Arzt sein ganzes Mitgefühl beschnitten hat, und mir erklärte, das es keinen Sinn macht drum rum zu reden, mein Sohn wird sterben.

Arschloch – flüster ich vor mich hin.

Ich seh Anna wieder.

Anna die Indianerin, diese kleine Person die so immens groß ist.

Lange schwarze Haare, gefasst zu einem Pferdeschwanz, ein markantes Gesicht mit stechend Blauen Augen darin.

Sie sieht mir ins Herz, wie ich ihr ins Herz sehe, dieser Indianerin.

Das Schicksal hatte uns zusammengeführt,

eine zeitlang gaben wir uns gegenseitig Kraft, bis zu dem Moment, in dem klar war, das kein Arzt, kein Mensch, nichts und niemand ihrem Sohn helfen konnte.

Dorian,

Dorian starb in dem Zimmer am Ende des Ganges. Er flehte seine Mutter an,

Mutter lass mich gehen, lass mich sterben. Ein Junge von 6 Jahren, quittengelb aufgedunsen, zerfressen vom Schmerz.

Was hätte ich sagen sollen, als mich seine Mutter, die Indianerin fragte

worin liegt da der Sinn? Warum, das alles?

Dorian starb leise und seine Mutter starb lautlos mit.

Von der Indianerin ist nichts mehr da,

ab und an telefonieren wir, und ihre Stimme ist so zerbrechlich, sie hat die Freude verabschiedet

und stirbt Jahr für Jahr ein wenig mehr.

Es ist mir genug an Erinnerung, und ich geh zurück zum Fahrstuhl , lass mich ins Erdgeschoss tragen, trete hinaus in den Winterhimmel und atme tief durch.

Ein andernmal

komm ich wieder, für den Rest.

 

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Kommentare: 3

  • #1

    Sein... (Donnerstag, 18 Februar 2010 16:19)

    Keine Macht ist mächtig genug, um zu verdunkeln was eine Seele je sah.

  • #2

    Uli (Dienstag, 16 November 2010 16:39)

    es berührt mich so etwas zu lesen. Um sein Liebstes zu kämpfen, Hoffen, Bangen, und am Ende zu verlieren, die Einsamkeit spüren, die Leere im Haus. Ich glaube nicht dass man wirklich Abschied nehmen kann.
    Und dann zurückkommen an den Ort an dem sich das alles abgespielt hat. Leergeräumt wie ein Kulisse, unwirklich wie ein Theaterspiel und doch zu wissen das war real was sich damals abgespielt hat. Das geht schon sehr ans Herz und man wird stumm vor Mitgefühl

  • #3

    Mara (Freitag, 03 Juni 2011 04:16)

    So berührend... Da sitze ich nun mit einem Kloss im Hals und leicht verschwommenen Blick. Kenne doch selbst nur zu gut über was du da schreibst - es ist mein Job, dennoch... oder gerade deswegen!

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