Fr
01
Jan
2009
Ich bin eine Gutbürgerliche, ob man das nun auf oder abwertendverstehen
mag, ist allein eine Frage der Perspektive.
Er ist nouvelle cuisine, sehr fein und sinnig, sehr eng verzweigt,
vielleicht, um dem Zufall den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Dass wir uns nun gegenüberstehen, war so nicht eingeplant,
nicht von ihm , nicht von mir, auch wenn ich es gehofft hatte.
Die Gutbürgerliche darf in das Herz vordringen.
In die Küche, in der der Herd im Zentrum steht, und der Gutbürgerlichen
fällt die Kinnlade runter, vor so viel Nouvelle und vielleicht sollte
sie wieder gehen, gut und bürgerlich.
Es scheint, dass er die Gedanken ahnt die in der Gutbürgerlichen vor
sich gehen
und er hält ihr das Zitronengras unter die Nase, mit dem kleinen Vermerk,
dass es brennt, wenn man damit schlägt.
Sie wischt das Zitronengras auf die Seite, Gutbürgerliche schlägt man
damit nicht.
Ihr Blick schweift über die Küche, und verhakt sich dann in seinen Augen.
Er hat so unglaubliche Augen - tief braun und von dichten Wimpern
umrandet.
Es fällt ihr schwer den Blick davon zu lösen und immer wieder, wenn sie
versucht den Blick wandern zu lassen, landet sie wieder bei seinen Augen.
Er weiß darum wie seine Augen wirken, er weiß es, und wirft seine
Harmlosigkeit aus wie ein Fischer der den großen Fang nach hause bringen
will.
Mit Gutbürgerlichen funktioniert das nicht, sagt sie ihm,
Gutbürgerliche lassen sich faszinieren, aber sich mit braunen Augen
hinter dichten Wimpern einwickeln lassen, das funktioniert nicht.
Er drückt ihr ein Messer in die Hand. Ein japanisches, elendig scharf,
und das erste mal seit Jahren zieht sie tatsächlich die Fingerkuppen
beim Schneiden ein, um sich nicht zu verletzen.
Sie macht die Juliens für die Beilage,
er, so scheint es ihr, dirigiert, sorgt dafür das sich eines in das
andere fügt,
brät das Filet, besteht auf die sechste Reduktion, hält ihr einen
Schwenker voll Roten hin,
und fragt sie nicht, ob sie mal kosten will, sondern setzt das Glas an
ihre Lippen.
„Ein wenig Zitronengras?“ fragt er
Die Gutbürgerliche lehnt ab, soviel Rotwein kann es gar nicht geben,
dass sie Zitronengras schmecken wollte.
Er lacht, und fragt sie was sie von Orangen hielte
Zum Dessert, fein geschält, bar jeder Haut, fein filetiert, mit
Cointreau übergossen und dann entzündet.
Sehr delikat, sagt sie, und passt sich seiner nouvelle an,
dazwischen greift sie in neu gewonnener Freiheit nach dem
Rotweinschwenker, nimmt einen tiefen Schluck, schaut in diese
unglaublichen Augen, und sagt ihm, das sie alle Zeit der Welt zum
filetieren hat,
und wie schaut es bei ihm aus – kann er auch filetieren, wenn das Herz
im Zentrum steht?