Es geht immer um die Suche nach Liebe, um vielleicht ein wenig von der ihr inne wohnenden Geborgenheit zu erhaschen, um lang vergessenen Erinnerungen Leben einzuhauchen, um sich tragen zu lassen
von dem Gefühl der Wärme , das die Seele schnurren lässt wie eine Katze vor der Behaglichkeit eines warmen Bollerofens.
Es ist so simple, so simple anzuschauen, zu fühlen, wie es den Menschen zieht, zur Geborgenheit, hin zur Liebe, zu dem Gefühl des Umfangen und angekommen seins.
Da lebt ein Sehnen in eines jeden Menschen Brust, und in all dieser Einfachheit, sitzt der Schrecken über das, was wir einmal verloren haben, den kindlich, unschuldigen Glauben an die Liebe,vor
langer, langer Zeit;
Seit Tagen schon war Anna nicht wieder zu erkennen. Nichts konnte Matida ihr mehr recht machen, und wenn Matida sich überhaupt noch wagte, etwas zu sagen, dann bekam sie bestenfalls gemurmelte
Unmutsäußerungen, aber meist handelte sie sich scharfe Zurechtweisungen ein, die Matidas Augen mit Tränen und ihren Geist mit Unverständnis füllte.
„Bist du nun nicht mehr mein Engel“? Die Zerbrechlichkeit in Matidas Stimme,hallte dünn durch das weiß gefließte Bad, in dem Anna vor dem Spiegel stand, ihre Haare straff und hart, nach hinten
bürstete.
Als alle Haare gebändigt waren, fasste sie sie mit einem Haargummi zu einem Pferdeschwanz zusammen, verschränkte ihre Arme vor der Brust, und drehte sich zu Matida um
„Ich war nie ein Engel und du, du solltest endlich lernen erwachsen zu werden. 35 Jahre alt, und erzählt immer noch was von Engeln – Engel gibt es nicht, schreib dir das hinter die Ohren.“
Matidas Unterlippe begann zu zittern und in ihren blaßblauen Augen schwamm ein Ozean. Eine einzelne Träne löste sich , und suchte sich einsam ihren Weg über die Wange .
„Aber du bist doch mein Engel und ich geh doch nachher nach Hause, weshalb bist du mir böse?“
Die Tränen rannen Matida über`s Gesicht und immer wieder wischte sie mit ihrem Hemdärmel über ihre Wange.
Anna rauschte wortlos an ihr vorbei, verließ das Bad und setzte sich in ihrem gemeinsamen Zimmer auf`s Bett.
Im Januar waren die zwei Frauen fast zeitgleich in der Klinik eingetroffen. Anna eine kleine Ecke früher als Matida, was Anna einen gewissen Heimvorteil gab, den sie auch weidlich ausnutzte als
Matida, in ihrer kindlichen Naivität eine Woche später in Annas Zimmer stand.
Die Krankenschwester machte sie beide miteinander bekannt, und als die Krankenschwester das Zimmer verlassen hatte, verschränkte Anna die Arme vor der Brust und klärte Matida mit harscher Stimme
und harschem Blick, darüber auf, wie das hier in diesem, ihrem Zimmer funktionierte.
„Dir gehört hier von allem die Hälfte, von den Regalen, Schränken und Ablagemöglichkeiten und nicht ein bisschen mehr.
Das rechte Bett ist meins, und das linke deins. Um 22h ist hier spätestens das Licht aus, und ich hasse Unordentlichkeit.“
Anna sah Matida überheblich an, und merkte noch an, das das wohl alles sei.
„Ach ja“, fiel Anna dann doch noch ein,“ deine Koffer kannst du ganz oben im Wandschrank verstauen“.
Matida sah Anna mit großen Augen an,“ bist du mir böse?“ fragte sie mit einer Stimme die wie ein Hauch im Wind war.
Anna sah Matida über diese Frage und die dünne Stimme perplex an, zwirbelte ihr rechtes Ohrläppchen, sah verlegen auf den Boden als gäbe es im grünen Linoleum etwas spannendes zu entdecken.
„Nein ich bin dir nicht böse“, Anna löste den Blick wieder vom Boden, und sah immer noch verblüfft, wieder Matida an.“ Nein ich bin dir nicht böse, ich mag nur gerne die Dinge geklärt haben, aber
vielleicht war ich ja ein wenig zu harsch zu dir.“
„Oooh, das ist schön,“ Matida seufzte erleichtert auf, tat einen großen Schritt auf Anna zu und umarmte die völlig überraschte Anna mit einer Innigkeit die Anna so bislang noch nicht
kannte.
„Ich finde das so schön“, sagte Matida wieder,“ das du mir nicht böse bist und das wir jetzt Freundinnen sind“. Matidas Augen strahlten vor Glück, und Anna suchte wieder verlegen das grüne
Linoleum ab.
Das lag fast ein dreiviertel Jahr zurück, als sich zwei fremde Frauen gegenüberstanden, und die Innigkeit der einen, die andere so rigoros entwaffnete.
Abends, wenn die Nachtschwester da gewesen war, wurde es zu einem Ritual das Anna, Matida eine Geschichte erzählte. Matida lag dann in ihrem Bett schaute gespannt zu Anna hinüber und manchmal ,
wenn eine Geschichte furchtbar schön, oder furchtbar spannend war, dann röteten sich Matidas Wangen vor lauter Aufregung, und manchmal, wenn sie etwas nicht verstanden hatte, dann fragte Matida
mit ihrer zerbrechlichen, dünnen Stimme bei Anna nach, ob sie ihr das erklären könne.
Und Anna erklärte, ab und an mit hochgezogenen Augenbrauen, aber sie erklärte Matida alles. Die Geschichten, das Leben, und auch weshalb sie wieder essen und das erklärte Zielgewicht von 47kg
erreichen müsse.
„Weil Matida,“ und Annas stimme bekam etwas strenges, „ kein Mensch mit 36kg überleben kann,“ und dann schnitt Anna für Matida ihre drei Scheiben Abendbrot in quadratische Scheiben, und bestrich
jedes Quadrat ganz dick mit Frischkäse und setzte auf jedes dieser Quadrate obenauf eine Scheibe Banane.
Matida lächelte dann ihr glückliches Lächeln und sagte nur: „ gell, du bist mein Engel
und du musst auch essen, weil Engel auch nicht mit 35kg leben können.“
Also aß Anna wieder und Anna fand ihr Lachen wieder.
Manchmal saßen sie in der Nacht mit angezogenen Beinen auf der Fensterbank, schauten auf die Lichter der entfernten Stadt und überlegten was die Menschen dort bei den Lichtern wohl gerade alles
machten.
Oder sie schimpften über die Ärzte, die mal wieder gar nichts verstanden, oder manchmal tatsächlich zu viel verstanden
und oft träumten sie, wie es sein wird, wieder „normal“ zu sein.
Matida würde zu ihren Eltern zurückkehren, alles Böse in der Welt würde ausgerottet sein, und ein zerbrechliches Stimmchen würde erstarken.
Anna würde nach Hause zurückkehren, und das Allein sein, würde sie nicht mehr ängstigen und dann bräuchte sie auch nicht mehr perfekt sein.
Jetzt, würde Matida gehen. Ihre Eltern würden sie nachher abholen, würden sich mit Matida freuen das sie ihr Zielgewicht erreicht hatte und halten konnte,
während Anna allein hier zurück blieb und immer noch um fehlende 4 kg rang.
Es war ein zaghaftes, leises Tschüss das Matida, Anna gab,
und an das sie die Frage , „Gell, du bist doch mein Engel ?“ anschloss
Als Anna darauf nicht antwortete, Matida noch nicht einmal ansah, ging Matida mit tränenfeuchten Augen mit ihren Eltern und hinter ihr, fiel sacht die Zimmertür in`s Schloss.
Gell, du bist mein Engel?
Die Frage hing in ihrer ganzen Zerbrechlichkeit über Anna,
drang in sie ein, holte die Erinnerung an die gemeinsamen Stunden wieder,
an das Lachen, an die Tränen, an die Zeit die sie mit Matida haben durfte.
Sie lächelte über die Erinnerung und eine Träne kullerte die Wange entlang.
Dann sprang sie vom Bett auf, rannte zur Zimmertür,
und schrie durch den ganzen Stationsflur, an dessen Ende noch Matida zu sehen war
Logisch bin ich dein Engel – wie du mein Engel bist.
Und Matida strahlte.