Es war eine billige Kneipe , gegenüber vom Bahnhof, mit dunkler Holzverkleidung und dunklem, massivem Mobiliar. Selbst tagsüber wenn man diese Kaschemme betrat, war es als ob man vom Diesseits ins
Jenseits ging, in eine andere, dunkle, Welt, in welcher sich die Ausgestoßenen der Gesellschaft trafen, um ihrerseits ein Auge darauf zu haben, das kein anderer als ein ebenso Ausgestoßener zu ihnen
traf.
Man trat vom Sonnenlicht in die Dunkelheit, nahm den Geruch vom kalten Rauch wahr, der sich über die Jahre in alles gelegt hatte , an den Decken brannten ein paar vergilbte Lampen um ein wenig Licht
in die Dunkelheit zu tragen, und vereinzelt traf man auf ein paar Gestalten, die ebenso das Tageslicht flohen. Es war düsterlich, es war schmuddelig, es war floskelfrei, es war ein Stück Heimat , für
heimatlose.
Abends wenn die Fabriken ihre Tore schlossen, trudelten sie nach und nach ein – die die anders waren, die ihr anders sein wie ein Schwert vor sich her trugen, bereit es gegen jeden zu verwenden der
in ihr anders sein nicht passte – dort in der Kneipe, mit dem dunklem Mobiliar, wo jeder, jeden kannte, und Fremde nicht erwünscht waren.
Wir fragten uns später oft, wo Lisa eigentlich herkam, wann sie das erstemal aufgetaucht war, aber eine klare Antwort darauf fanden wir nicht. Eines Tages war Lisa einfach da.
Sie saß da am Tresen in einer viel zu großen schwarzen Lederjacke, und wirkte darin so furchtbar verloren, eine kleine zerbrechliche Gestalt, mit einem Alabastergesicht und zwei Augen wie schwarze
Kohle, die tief die Nacht durchdrangen.
Es war Huckley der diese Verletzlichkeit brechen wollte, und das war auch der Abend, an dem mir Lisa das erstemal auffiel.
Huckley, eine pomadierte Schleimigkeit, aufgeschwemmt vom Alkohol, von dem jeder wusste da ruhte eine Bösartigkeit die besser nicht geweckt wurde. Huckley ausgestattet mit den Insignien der Hells
Gang, der sich traute einem jungem Mädchen ihr ledergebundenes Notizbuch zu entreißen, und der sich sicher war, die Lacher auf seiner Seite zu haben, wenn er daraus laut, und herablassend zu den
Klängen von Clash vorlas.
Als die letzten Töne von Clash London calling verklangen, erreichte Huckleys Stimme jeden im Raum. Und im Bewusstsein seiner vermeintlichen Überlegenheit, verlieh er seiner Stimme noch mehr Häme und
unterlegte die zarten Worte eines jungen Mädchens mit obszönen Gesten.
Ulysses, der Chef der Gang, beendete dieses Schauspiel, er nahm Huckley das Notizbuch aus den Händen , schloss es sachte -so als ob man gesagtes wegschließen könne – und legte das Büchlein auf die
Theke, zwischen die Hände Lisas.
Es war merkwürdig still, und ich fragte mich ob es an Lisas Augen lag, ob die anderen auch sahen was ich sah – und deshalb keiner lachte – Lisas Augen und ihre Blume Blau, die ein Säufer in den Dreck
ziehen wollte.
Von da an war Lisa nur noch Blume Blau, die man jeden Abend dort in der Kascheme antraf . Sie sprach nie viel, schrieb ab und an in ihrem Büchlein, nippte an ihrer Apfelsaftschorle und hörte die
meiste Zeit den Menschen zu , die sich angezogen fühlten von ihr – und das waren nicht wenige.
Die harten Kerle, die an jedem Finger eine Frau hatten, und nur noch von Fotzen sprachen, suchten die Blume Blau und wenn sie sie fanden, dann berührte sie eine Sanftheit an einem lange verborgenem
Fleck und sie weinten über die Schönheit.
Die gestandenen Frauen, die Männer austauschten ,wie morgens den Kaffeefilter, suchten die Blume Blau und wenn sie sie fanden, machte sie die Größe atemlos und die Zartheit die von ihr ausging, ließ
sie zittern.
Sie blieb lange , die Blume Blau, an diesem Ort wo es fast so war als träte man vom Dieseits ins Jenseits...............sie blieb, und verschenkte ihr Lächeln, ihr Gehör, ihr Da sein, sie verschenkte
und gab, und als sie sah das es gut war, ging sie so leise , wie sie damals gekommen war.
Irgendwo gibt es sie noch................Blume Blau, mit Augen wie schwarze Kohle, tief wie die Nacht.